Globalisierung
Explosionen des Wissens

Die Globalisierung findet seit Menschengedenken statt. Sie ist nicht nur ein wirtschaftlicher Prozess, sondern auch einer des Wissens. Eine Berliner Tagung widmete sich der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft des intellektuellen Austauschs.

Beim 97. Internationalen Dahlem-Workshop diskutierten in der vergangenen Woche 40 Wissenschaftler über den Austausch von Wissen. „Es lohnt sich, die Globalisierung des Wissens von ihren Anfängen bis heute historisch zu verfolgen, auch um heutige Globalisierungsprozesse des Wissens besser zu verstehen“, sagte Jürgen Renn, Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin .

Globalisierung ist natürlich nicht erst ein Phänomen unseres Medienzeitalters. Schon die ersten sesshaften Menschen in der Jungsteinzeit tauschten auf ihren Handelswegen nicht nur Waren aus, sondern auch das Wissen darüber, wie sie diese hergestellt hatten. Anders als die gehandelten Güter passte sich das vermittelte Wissen seinem neuen Kontext an. „Die Geschichte des Menschen ist übereinander geschichtetes Wissen“, sagte Eva Cancik-Kirschbaum, Altorientalistin an der Freien Universität Berlin. Mischung kann sogar gänzlich Neues hervorbringen.

Die Erfindung der Schrift beschleunigte den Wissenstransfer und setzte gleichzeitig viele Trennungsprozesse in Gang. Schrift entkoppelt die Sprache von der Stimme, das Wissen vom Wissenden und errichtet eine Barriere zwischen Schriftkundigen und -unkundigen. In China und Ägypten etwa blieben die komplizierten Schriftzeichen einer professionellen Kaste vorbehalten.

Und so, wie dem weltweiten Zugriff auf Informationen, den das Internet heute ermöglicht, oft eine Verflachung des menschlichen Erfahrungsschatzes zugeordnet wird, warnten im Altertum viele Gelehrte vor den Gefahren der Schrift. Platon etwa, einer der eifrigsten Schreiber seiner Zeit, war überzeugt von der zersetzenden Wirkung der Schrift, die unweigerlich in eine Wissenskrise münden müsse. Für jedermann zugänglich, seien die ahnungslosen Buchstaben wie das oberflächliche Geschwätz von Papageien, denen es an Einsicht, Wahrheit und Geist fehle – intellektuelle Qualitäten, die nur ein Mensch haben kann. Kleine Gruppen von Eingeweihten sollten deshalb das Wissen pflegen und weitergeben, forderte der Philosoph – und schrieb diese Gedanken auf, so dass wir sie heute noch lesen können.

Die Menschen wittern seit jeher in einem neuen Medium die davon ausgehende Gefahr für die alten. Victor Hugo flicht in seinen Roman „Notre Dame de Paris“, der im 15. Jahrhundert spielt, eine kleine Szene ein, in der ein Gelehrter erstmals ein Buch zur Hand nimmt. Er blickt dabei durchs Fenster auf den Turm einer Kathedrale und denkt: „Celui tuera cela“ - Dies wird jene zerstören. Die Kathedrale als Symbol für bunte, mündliche und bildhafte Ideenübermittlung, das Buch als trockene und willkürliche Wissensvermittlung.

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