Historiker zur Finanzkrise
Die geschwächte Weltmacht

Der britische Wirtschaftshistoriker Paul Kennedy sieht Amerika vor dem Abstieg. Kennedy ist nicht der einzige Historiker, der sich in diesen Tagen zur Finanzkrise äußert. Auch der deutsche Gesellschaftshistoriker Hans-Ulrich Wehler geht radikal mit der Finanzelite ins Gericht.

DÜSSELDORF. Die Krise an den Finanzmärkten wird nach Ansicht des britischen Historikers Paul Kennedy die Macht der USA mindern. Dagegen werde die Bedeutung der aufstrebenden asiatischen Nationen massiv gestärkt, sagte Kennedy in einem Interview mit „Zeit online“. „Wenn die heutige Krise in drei oder fünf Jahren vielleicht wieder vorbei ist, wird man sehen, dass China, Indien und der Rest Asiens eine viel stärkere Position im Internationalen Währungsfonds einnehmen“. Das Zeitalter der Dominanz des Dollars werde demnächst zu Ende gehen.

Kennedy lehrt Geschichte an der Universität Yale (USA) und beriet in den 90er-Jahren US-Präsident Bill Clinton. Schon in „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ (1987) warnte Kennedy vor dem durch den Kalten Krieg hervorgerufenen, teuren Rüstungswettlauf, der einen Zerfall der beiden damaligen Weltmächte zur Folge haben könne. Bei allen von ihm untersuchten Großmächten der Weltgeschichte sieht Kennedy den immer gleichen Rhythmus: Aufstieg, Überdehnung, Erschöpfung, Abstieg. Kennedy lieferte damals viele Indizien für die These, dass die Macht von Staaten vor allem durch ihre Ökonomie bestimmt wird.

Auch der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler hat sich erneut zur Finanzkrise geäußert. Er fordert den Rücktritt von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. In einem Interview in der aktuellen Ausgabe des Hamburger Magazins „Stern“ sagt er: „Wenn die Deutsche Bank Staatsgelder in Anspruch nimmt, müssen Ackermann und der gesamte Vorstand weg. Diese Hasardeure in den oberen Rängen müssen zurücktreten, auch wegen der politischen Wirkung.“

Nach Wehler ist die „aberwitzige Fixierung auf 25 Prozent Rendite, die Ackermann der Deutschen Bank verordnet hat, charakteristisch für die Phase einer fehlenden Regulierung der Finanzmärkte. „In so einem überhitzten Geschäftsklima treten dann all die Eigenschaften zutage, die derzeit beklagt werden: die Habgier, die Fahrlässigkeit, aber auch die Dummheit der beteiligten Banker.“ Der Historiker hält die Mentalität solcher Banker für „kriminell“ und fordert drastische Maßnahmen: „Banker, die als Hasardeure auftreten, sollte man aber nicht unterstützen oder zumindest, wenn es systemrelevante Banken sind, einen personellen Schnitt machen.“

Enttäuscht zeigt sich Wehler über das historische Gedächtnis vieler Wirtschaftsliberaler, die in den vergangenen Jahren mitverantwortlich waren für die Deregulierungswelle. „Als Historiker konnte man da nur sagen: Leute, ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass es einen staatsfreien funktionierenden Markt gibt.“ Wenn er mit Bankern und Unternehmern diskutiere, sei er oft „erstaunt, wie wenig historisch die denken“, sagt Wehler. „Die haben einen Zeithorizont, der maximal ein paar Wochen zurückreicht und dann weit in die Zukunft geht.“ Nur mit Hilfe solcher Denkbarrieren sei es in den vergangenen Jahren möglich gewesen, an die allein selig machende Wirkung eines freien Marktes zu glauben. Mit Bezug auf den Neoliberalismus sagt Wehler: „Was wir in diesen Wochen erleben, ist, dass eine mächtige Gedankenströmung radikal dementiert wird.“

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