Hypochondrie
„Herr Doktor, ich habe Krebs“

Unregelmäßiger Herzschlag, ein bevorstehender Infarkt, der vermeintliche Tumor – die Bandbreite imaginierter Krankheiten ist groß. Hypochonder werden häufig als „eingebildete Kranke“ verspottet, doch sie leiden an einer ernsthaften Krankheit. Im Durchschnitt vergehen sieben Jahre bis zur Behandlung der Hypochondrie.

DÜSSELDORF. Wilfried R. misstraute seinem Herzschlag: zu heftig und zu unregelmäßig. Eine nahende Herz-Attacke, mutmaßte er. Oder ist es schon ein Infarkt? Doch der Hausarzt gab Entwarnung, das EKG sei unauffällig. Das beruhigte den 59-jährigen Lehrer aus Köln aber nicht. Auch der zweite und dritte Arzt fand nichts. Nach vier Jahren hat Herr R. über 40 Mediziner verschlissen, darunter acht Kardiologen. Dass sein Herz gesund war, dokumentierten am Ende mehr als 20 EKGs. Schließlich bekam er Hilfe von einem Psychologen. Dessen Diagnose: Hypochondrie.

Hypochondrie gehört zur Gruppe der sogenannten somatoformen Störungen. Diese Patienten halten sich in einer Grauzone zwischen physischen und psychischen Leiden auf. „Schmerzen sind ja etwas Subjektives, egal wie sie entstehen“, sagt Detlev Nutzinger, ärztlicher Direktor der Medizinisch-psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedt. Bis diese Patienten gezielt behandelt werden, vergehen im Durchschnitt sieben Jahre, klagt der Hypochondrie-Fachmann. „Betroffenen könnte ein langer Leidensweg erspart bleiben, wenn ihre Krankheit frühzeitig erkannt und behandelt würde.“

Das schlägt sich in den Kosten nieder, ohne dass dies jemand genau beziffern könnte, sagt der Psychologe Winfried Rief von der Universität Marburg. „Unbehandelte Gesundheitsängste kosten das System sehr viel Geld.“ Das Problem hat auch mit der Auffassung vieler Ärzte zu tun. Viele Mediziner konzentrieren sich auf Körperliches. Jeder Schmerz muss eine organische Ursache haben. Hat er das nicht, ist der Schmerz „nicht echt“. Patienten, die körperlich gesund sind, aber beharrlich meinen, krank zu sein, gelten deshalb irgendwann als „überempfindlich“ und „schwierig“ – häufig gar als „Simulanten“. Der Hypochonder wird daher nicht selten als „eingebildeter Kranker“ stigmatisiert. Die Diagnose „Hypochondrie“ wird von Hausärzten fast nie gestellt. „Die Medizin ist aber keine Einbahnstraße nach dem Motto: hier Symptom, da Krankheit“, kritisiert Nutzinger die Einstellung vieler seiner Kollegen.

In einer der wenigen Untersuchungen zum Thema erforschte die Psychologin Gaby Bleichhardt von der Universität Mainz in einer Fragebogenstudie die Gesundheitseinstellung von zweitausend Deutschen: Etwa sieben Prozent aller Menschen, die einen Arzt aufsuchen, leiden demnach an „ausgeprägten Krankheitsängsten“. Ältere Schätzungen gehen von vier Prozent in der gesamten Bevölkerung aus. Der Mainzer Studie zufolge ist Hypochondrie unabhängig vom Geschlecht: Es trifft Männer und Frauen aller Altersklassen ab der Pubertät.

Viele Betroffene haben ein jahrelanges Marathon durch Praxen verschiedenster Spezialisten hinter sich. Eine Fixierung auf ihr Leiden, die bis zur Berufsunfähigkeit und zum völligen Rückzug aus einem normalen Leben führen kann.

Seite 1:

„Herr Doktor, ich habe Krebs“

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%