Inselbegabungen
Autisten: Wundersame Begabungen

Einige Autisten bringen sich selbst Sprachen bei oder verfügen über absolutes Gehör. Forscher vermuten, dass in allen Menschen solche Talente schlummern.

HB FRANKFURT. Howard Potteth lebt an der Südküste Englands. Er ist in freundlicher Zeitgenosse mit einem erstaunlichen Gefühl für Zahlen: Was ist die Wurzel aus 73? „8,544“, murmelt Howard ohne mit der Wimper zu zucken. Was ist der 2. März 20 100 für ein Wochentag? „Ein Donnerstag“. Und der 1. September 30 000? „Ein Freitag.“

Schon als Kind begeisterte sich Howard für Kalender. Er blickte jedoch niemandem direkt ins Gesicht und nahm keine Beziehung zu anderen Menschen auf. Howard ist Autist. In der Schule war er überfordert. Beim Intelligenztest erreicht er einen Wert von knapp über 90. Das liegt im unteren Durchschnittsbereich. Einen Beruf hat er nie ausgeübt.

Menschen wie Howard geben der Wissenschaft Rätsel auf: Faszinierende Einzelfähigkeiten – so genannte Inselbegabungen – stehen bei ihnen im krassen Widerspruch zu einer durchschnittlichen oder schwachen Allgemeinen Intelligenz. Savants („Wissende“) werden sie genannt. Früher sprach man von „idiots savants“.

Schlüssel zum Savant-Syndrom

Lediglich etwa 50 weitere Savants sind weltweit bekannt: Christopher Taylor aus England etwa hat sich selbst Hindi, Finnisch, Polnisch und zahlreiche weitere Sprachen beigebracht. Der Amerikaner Leslie Lemke ist blind und hatte nie Klavierunterricht. Doch als Teenager spielte er plötzlich das Klavierkonzert Nr. 1 von Tschaikowsky fehlerfrei nach. Er hatte es im Radio gehört. Und der Engländer Joshua Whitehouse zeichnete als Neunjähriger brillante, naturgetreue Ansichten der Skyline von New York, die er lediglich aus dem Fernsehen kannte.

Die Mehrzahl der Savants sind Autisten und ein besseres Verständnis von Autismus scheint daher ein wichtiger Schlüssel zum Savant-Syndrom zu sein. „Höhere Bereiche im Gehirn werden beim autistischen Denken nicht zugeschaltet“, vermutet Allan Snyder, Leiter des Centre for the Mind der Australian National University in Canberra.

Snyder geht davon aus, dass Gedächnisvorgänge von zwei unterschiedlichen neuronalen Netzwerken im Hirn abhängen: Ein weit verzweigtes Netzwerk für das kognitive Gedächtnis, und ein simpleres für das automatisierte Gedächtnis, das nicht mit höheren Denkvorgängen verknüpft ist. Die elektrische Aktivität im simpleren Netzwerk werde bei der Normalbevölkerung von derjenigen im komplexeren überlagert, so Snyder. Savants hingegen würden überwiegend auf den simpleren Kanal zurückgreifen.

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