Interview
Der Urknall war nicht der Anfang der Welt

Martin Bojowald denkt radikal. Er will zwei unvereinbare Theorien verknüpfen und wissen, wie die Zeit entstand. Manche bezeichnen ihn bereits als Einstens Nachfolger. Im Interview spricht er über die Unendlichkeit – und erklärt, warum er nicht an den Urknall glaubt.
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WDR 3 hat Sie „Einsteins Nachfolger“ genannt. Fühlen Sie sich auch so?

Das zeigt nur, dass nicht viel von der Physik an die Öffentlichkeit dringt. Der WDR ging aber wohl auch auf einen Artikel im Fachblatt „Nature“ ein, der meine Idee zum Beginn des Einstein-Jahres 2005 vorstellte.

Wie Einstein müssen aber auch Sie ein radikaler Denker sein. „Es gab keinen Urknall“ steht in Ihrem aktuellen Buch. Tatsächlich?

Man verbindet mit dem Urknall ja verschiedene Aspekte. Am meisten Aufsehen hat erregt, dass er den Anfang der Welt beschreiben könnte. Das ist nach unseren neueren Erkenntnissen nicht der Fall. Es bleibt aber auch viel bestehen von dem, was wir mit ihm verbinden. Dazu zählen die Entstehung von Materie und auch die Expansion des Universums. Daran ändert sich nichts.

Sie haben die Urknall-Hypothese als 28-Jähriger im Jahr 2001 auf neue Füße gestellt. Wie haben denn Kollegen reagiert?

In meinem Forschungsgebiet, der Quantengravitation, war der Urknall als echter Anfang eigentlich nie ernst genommen worden. Allen Kollegen in der Kosmologie war immer klar, dass die Gleichungen von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie an der Singularität zusammenbrechen.

Singularität heißt, dass unser Kosmos am Anfang ein unendlich kleiner, dichter und heißer Punkt gewesen sein soll. Und die Zeit existierte noch nicht. Was spricht dagegen?

Es ist gerade das Unendliche. Derzeit wüsste man gar nicht, wie man Materie in dieser unendlich hohen Dichte physikalisch beschreiben könnte. Da kommt einfach die Theorie an ihre Grenze.

Die Zeit ist offenbar auch entscheidend. Nach der etablierten Vorstellung begann sie erst mit dem Urknall. Wie sehen Sie das?

Falls die Zeit wirklich da beginnt, müsste man erklären können, wie der Übergang von Nichts, wo es weder Zeit noch Raum gab, zu Etwas stattgefunden hat. Dieser Übergang ist noch nie in der Physik zufriedenstellend beschrieben worden.

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