Jüdische Gemeinden
Die Koffer sind ausgepackt

In keinem anderen Land wächst die jüdische Gemeinschaft schneller als in Deutschland. Doch Forscher halten es für verfrüht, von einer Renaissance des jüdischen Lebens zu sprechen.

DÜSSELDORF. Für die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg war der 23. Oktober 2006 ein Meilenstein in ihrer fast 900-jährigen Geschichte. Mit einer großen Feier wurde das neue Gemeinde- und Kulturzentrum eröffnet. Ein Saal mit Platz für bis zu 400 Personen, eine koschere Küche sowie Tagungsräume und ein über 1 300 Quadratmeter großer Museumsbereich sollen den Juden der Stadt zukünftig als neuer Mittelpunkt dienen. Der Bau war notwendig geworden, denn wie überall in Deutschland erlebte auch die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg einen rasanten Zuwachs. Die alten Räumlichkeiten waren zu eng geworden.

"Bis Ende der achtziger Jahre lebten gerade einmal knapp zweihundert Juden in Würzburg", berichtet ihr Vorsitzender Josef Schuster. "Doch dank der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen UdSSR zählen wir heute über 1 100 Mitglieder - Tendenz weiter steigend." Zum Vergleich: 1933 gab es etwa 2 800 Juden in der Stadt. Unterfranken mit seinen damals 128 Gemeinden repräsentierte lange Zeit die wohl dichteste jüdische Besiedlung in Deutschland abseits der großen Städte wie Berlin oder Frankfurt.

Juden hatten maßgeblichen Anteil am Wirtschaftsleben der Region. So waren es jüdische Weinhändler, die den Frankenwein deutschlandweit bekannt machten. All dem wurde durch die nationalsozialistische Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik ein Ende gesetzt. Das neue Gemeinde- und Kulturzentrum steht deshalb für mehr als einen neuen Treffpunkt. "Vorgeführt wird die historische Kontinuität jüdischen Lebens - für die Zuwanderer und ihre Kinder ebenso wie für die Besucher aus dem außerjüdischen Umfeld", heißt es bei "Shalom Europa", einem Initiativkreis, der den Bau erst möglich gemacht hat.

"1998 trat der damalige Gemeindevorsitzende David Schuster mit der Bitte um Hilfe an mich heran", erinnert sich Albrecht Fürst zu Castell-Castell, Mitinhaber der 1774 gegründeten Fürstlich Castell?schen Bank. Bereits seit Jahren hatte er sich in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit engagiert. "Die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen ist ein Schwerpunkt in meinem Leben", erklärt der Fürst. "Shalom Europa" entstand, und Albrecht Fürst zu Castell-Castell übernahm die Rolle des Sprechers des Initiativkreises.

14,6 Millionen Euro kostete das neue jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum. Die Mittel dazu kamen unter anderem von der Bayerischen Staatsregierung, dem Bezirk Unterfranken und der Bayerischen Landesstiftung. Aber auch private Spender und die amerikanische Lauder-Stiftung mit ihrem Chef Ronald S. Lauder, dem Sohn der legendären Gründerin des Kosmetikimperiums Estée Lauder, hatten Anteil an der Finanzierung. "Wir schaffen jüdische Identität", bringt Rabbiner Joshua Spinner, Vize-Präsident der Lauder-Stiftung in Berlin, das Motto seiner Organisation auf den Punkt.

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