Jürgen Osterhammel
Der Schock der Beschleunigung

Die Erfindungen und Entdeckungen des 19. Jahrhunderts haben die Welt unumkehrbar verändert. In seinem Buch „Die Verwandlung der Welt“ zeigt Jürgen Osterhammel auf, wie dramatisch die Entwicklung der Menschheit seinerzeit beschleunigt wurde. Im Handelsblatt-Interview spricht der Historiker über den Schock, den diese Beschleunigung bei vielen Menschen ausgelöst hat - und seine Bedeutung für uns.
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Herr Osterhammel, mit Ihrem aktuellen Buch „Die Verwandlung der Welt“ haben Sie eine Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts geschrieben. Ist diese historische Epoche uns noch nah, beschäftigen uns noch Themen, die die Menschen vor 200 Jahren umtrieben?

Es gibt große Kontinuitäten. Dazu gehören zahlreiche globale Funktionssysteme, die heute noch intakt sind: Der regelmäßige Welthandel und das Weltfinanzsystem sind in der Idee und Grundorganisation Erfindungen des 19. Jahrhunderts. Seine letzten drei Jahrzehnte waren die große Zeit der Standardisierung der Währungen und der Zeit. Die 24 Weltzeitzonen sind in den 1880er-Jahren eingeführt worden. Manche Techniken sind im Prinzip seitdem nicht weiterentwickelt worden: der Ottomotor zum Beispiel. Die spätere Entwicklung der Autos war im Grunde ein Basteln an Details.

Im Schlusskapitel schreiben Sie, dass Effizienzsteigerung und Beschleunigung übergreifende Merkmale des 19. Jahrhunderts waren. Ist das für die ökonomisierte und rationalisierte Welt der Gegenwart nicht mindestens ebenso charakterisierend?

Mir geht es darum, dass das den Menschen im 19. Jahrhundert besonders stark aufgefallen ist. Für uns sind Effizienzsteigerung und Beschleunigung zu Selbstverständlichkeiten geworden. Der Schock einer als beschleunigt wahrgenommenen Lebensführung ist in den Quellen des 19. Jahrhunderts deutlich zu greifen. Eisenbahn und Telegraf sind die wichtigsten Beispiele. Mit der Eröffnung eines Überseekabels beschleunigte sich die Nachrichtenübertragung von vier Monaten auf vier Stunden. Das ist eine Beschleunigungserfahrung, die wir heute selbst mit der Einführung der E-Mails nicht gemacht haben.

Waren die Menschen davon eher entsetzt oder begeistert?

Die Chinesen haben sich in den 1870er-Jahren, als dort die ersten Eisenbahnen gebaut wurden, beschwert, dadurch würden Geister oder die Harmonie der Natur gestört. Auch in Europa gab es ähnliche Vorbehalte gegen die frühen Eisenbahnen. Aber im Großen und Ganzen war vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Technikeuphorie außerordentlich. Es gab noch keine richtig schlechten Erfahrungen. Der Erste Weltkrieg war dann mit seiner mechanisierten Zerstörungskraft die erste negative Kollektiverfahrung mit Technik.

„Alle Geschichte neigt dazu, Weltgeschichte zu sein“ heißt der erste Satz in Ihrem Buch. War das 19. Jahrhundert, das sie weit fassen von etwa 1760 bis 1920, die erste Epoche der Globalisierung?

Man kann auch schon für das 18. Jahrhundert Kulturtransfers feststellen, etwa von den Jesuiten aus Europa nach China. Im 19. Jahrhundert ist das aber quantitativ erheblicher. Die Transfers werden verstetigt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Globalisierung so intensiv, dass es sehr schwer wird, das Eigene und das Fremde analytisch zu unterscheiden. Im 19. Jahrhundert kann man noch sehen, wie Zivilisationen integriert werden, Japan zum Beispiel. Diese Prozesse lassen sich noch relativ sauber studieren. Im späten 20. Jahrhundert ist es sehr schwer, die Fäden zu entwirren. Man muss aufpassen, nicht in eine allgemeine Globalisierungseuphorie zu verfallen.

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