Le Corbusier
Der erste Weltstar der modernen Architektur

Er war der Bad Boy unter den Architekten: Charles-Edouard Jeanneret-Gris - alias Le Corbusier. Kritiker bezeichnen ihn als ideologischen Vater der Betonvorstädte. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist jetzt eine Ausstellung über ihn zu sehen. Sie enthüllt bisher unbekannte Charakterzüge.
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BERLIN. An ihm scheiden sich noch immer die Geister: Charles-Edouard Jeanneret-Gris alias Le Corbusier (1887-1965). Der Zeichner, Filmemacher, Designer und vor allem Architekt wird bis heute gefeiert und gehasst. Seine Bauten stehen über die Welt zerstreut: die Wallfahrtskirche Notre Dame du Haut im ostfranzösischen Haute-Saône, das Nationalmuseum für westliche Kunst in Tokio, das Centre Le Corbusier in Zürich oder das Museum von Ahmadebad in Indien.

Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist bis zum 5. Oktober die Ausstellung "Le Corbusier - Kunst und Architektur" zu sehen, eine Gesamtschau des Mannes, dessen Formensprache auch 40 Jahre nach seinem Tod in Entwürfen der heutigen Star-Designer und-Architekten noch erkennbar ist: bei Rem Kohlhaas etwa oder dem Duo Herzog & de Meuron. Nicht nur sein Werk, seine Person selbst ist noch immer der Inbegriff der modernen Architektur. Mit seiner Selbstinszenierung - Fliege und schwarzer Hornbrille - erfand er den modernen Star-Architekten.

Die Ausstellung zeigt Le Corbusiers Begeisterung für die moderne, durchgeplante Großstadt, für neue Technologien und Medien. Die Rekonstruktion des Modells vom "Plan Voisin" (1925) für ein neues Paris aus Hochhäusern und breiten Schnellstraßen und von ihm selbst in Arcachon und Rio de Janeiro gedrehte Filme sind die Höhepunkte der Schau. Sie vermitteln die Aura der Pionierzeit der ästhetischen Moderne, ihren Willen zum radikalen Bruch mit dem Überlieferten.

380 Exponate, darunter Gemälde, Skulpturen, zahlreiche Originalmöbel, -zeichnungen und-pläne sowie Erstausgaben von Le Corbusiers Büchern sind zu sehen. Außerdem zahlreiche Exponate von Zeitgenossen, die ihn beeinflussten. Große Namen der Kunst des 20. Jahrhunderts haben sich im Martin-Gropius-Bau um Le Corbusier versammelt: Originalmöbel von Charlotte Perriand und Jean Prouvé, Gemälde von Robert Delaunay, Fernand Léger, Georges Braque, André Bauchant.

Die Ausstellung führt vor Augen, wie wichtig Deutschland und Berlin für die künstlerische Entwicklung Le Corbusiers waren. Bisher war das wenig bekannt. Le Corbusier, der in Genf aufwuchs und seit seinem Umzug 1917 nach Paris vor allem sein romanisches Erbe betonte, hatte selbst die Tatsache heruntergespielt, dass seine Laufbahn in Berlin begann. Hier arbeitete er im Winter 1910/11 im Büro von Peter Behrens.

Schon ein Jahr zuvor hatte er während einer Studienreise zum Kennenlernen des Werkbunds die Stadt ausgiebig besucht. Auch architektonische Spuren hinterließ er in der Stadt. Wichtigster Zeuge ist das von ihm entworfene Corbusierhaus (umgangssprachlich Wohnmaschine) - ein Hochhaus im Westend des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Das als "Wohneinheit, Typ Berlin" bezeichnete Gebäude wurde für die Internationale Bauausstellung 1957 in der Nähe des Olympiastadions gebaut.

Le Corbusier betrachtete Wohngebäude nicht als Kompositionen für individuelles Leben, sondern definierte sie als Maschinen. Wie ein Auto eine Maschine zum Fahren ist und ein Flugzeug eine Maschine zum Fliegen, ist für ihn ein Haus eine Maschine zum Wohnen, eine Hülle für Möbel. Wie für ihn eine "zeitgenössische Stadt" in erster Linie verkehrsgerecht und zweckmäßig sein sollte, so sollten auch Haus und Wohnung rein funktionale Räume sein.

Durch diese in Beton gegossene Standardisierung leistete er, wie seine Kritiker ihm vorwerfen, einer Ästhetik der Kälte Vorschub. Le Corbusier ist auch ein ideologischer Vater der Betonvorstädte. Was dem Architekten damals als Fortschritt erschien, ist längst zum Inbegriff der Tristesse geworden. Weitaus eleganter und zeitloser als Le Corbusiers Gebäude sind ohnehin seine Typenmöbel.

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