Literatur
Alexander von Humboldt: Neues vom globalen Netzwerker

Alexander von Humboldt war ein Netzwerker mit globaler Welterfahrung, pendelnd zwischen Paris und Berlin wie auch zwischen Kunst und Wissenschaft, Literatur und Politik. Viel wurde über den Kosmopoliten bereits geschrieben - und die Vermessung des Weltwissenschaftlers geht munter weiter. Zum seinem 150. Todestag sind gleich vier bibliophile Prachtbände erschienen.
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BERLIN. Als der Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769-1859) vor 150 Jahren in Berlin starb, hatte er mit damals modernsten Methoden und Instrumenten Lateinamerika (1799 bis 1804) und Russland (1829) geologisch erforscht und gigantische Buchprojekte realisiert. Bibliophile Einzelausgaben aus seinem 29-bändigen Forschungsbericht der Amerikareise hat vor einigen Jahren der Eichborn-Verlag herausgebracht. Spektakulär war Hans Magnus Enzensbergers Ausgabe des „Kosmos“, in dem Humboldt eine universalwissenschaftliche Beschreibung der Welt versucht. Humboldt hat aber nicht nur strategisch aufeinander bezogene Großwerke der Wissenschaft geschrieben, sondern auch 30 000 bis 35 000 Briefe.

Dieser gewaltige Schriftverkehr mit Wissenschaftlern aller Fachgebiete in der ganzen Welt, obgleich weitgehend unveröffentlicht, eröffnet eine neue Perspektive: Humboldt als Kosmopolit und Mann des Fortschritts, der neben seiner naturkundlichen Forschung immer am Austausch aller Wissenschaften wie auch der Gesellschaften interessiert war. Er war ein Netzwerker mit globaler Welterfahrung, pendelnd zwischen Paris und Berlin wie auch zwischen Kunst und Wissenschaft, Literatur und Politik. Um diesen Humboldt, dem auch die Grenzen zwischen Natur- und Kultur-/Geisteswissenschaften nicht viel galten, geht es den heutigen Humboldtianern

Der Potsdamer Humboldt-Experte Ottmar Ette betrachtet ihn „als großen Denker für das 21. Jahrhundert“, der sein eigenes World Wide Web geschaffen habe und den Übergang von einer Raum- zu einer Bewegungsgeschichte markiere, zu einem „Mobile des Wissens“. In seiner sehr lesenswerten Studie über Humboldt und die Globalisierung schreibt Ette: „Wenn unser Jetztzeitalter das Netzzeitalter ist, dann ist Alexander von Humboldt gewiss dessen wissenschaftlicher Vordenker.“

Ette ist auch der Herausgeber des prächtigen Doppelbandes „Die Entdeckung der Neuen Welt“, den er für den „eigentlichen Schlussstein des amerikanischen Reisewerks“ hält. In dieser „kritischen Untersuchung“ und dem zugehörigen Kartenband inklusive des „unsichtbaren Atlasses“ mit allen von Humboldt benutzten historischen Weltkarten wird nachvollziehbar, was man unter einer theoretischen „Weltwissenschaft“ im Humboldt’schen Sinne verstehen könnte. Er erforscht und belegt in alten Büchern, Dokumenten und Karten vom 15. und 16. Jahrhundert die Ursachen, welche die Entdeckung der Neuen Welt vorbereitet und herbeigeführt haben. Wie diese spannenden Quellen aus zahlreichen Sprachen und Ländern zeigen, war schon so viel bekannt, dass Kolumbus nicht bis zu seinem Lebensende hätte glauben müssen, er sei in Westindien gelandet.

Humboldts ungeheure Wissensproduktion gerät uns trotz des fulminanten Kartenbandes nicht so leicht zum Bildungsschatz, obwohl der Herausgeber die zahllosen originalsprachlichen Quellen und Fußnoten des Werks übersetzt und einer soliden Lesbarkeit zugeführt hat. Es drängt sich eine Frage auf: Ist Alexander von Humboldt nicht vielleicht doch ein Autor für Bildungsbürger? Der Berliner Humboldt-Forscher Oliver Lubrich, der mit Ottmar Ette schon Enzensbergers „Kosmos“-Ausgabe und die Einzelausgaben aus dem Amerikawerk („Chimborazo“, „Ansichten der Natur“, „Ansichten der Kordilleren“) angeregt hat, antwortet so: „Auch für Bildungsbürger! Und ebenso für Literaturliebhaber, Wissenschaftler oder Fernreisende. Alexander von Humboldt hat von jeher Schriftsteller in aller Welt fasziniert und zu literarischen Texten angeregt: Goethe und Chamisso, Balzac und Jules Verne, Alejo Carpentier und Gabriel García Márquez.“

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