Lokführer werden
Modelleisenbahn 2.0

Michael Behnke hat eine Vision: Der smarte Werbekaufmann will Modelleisenbahnern den Spaß am Spielen zurückgeben. Der ist nämlich auf der Strecke geblieben. Mit einer Videobrille auf der Nase können sich Zugfans seit kurzem Führerstandserlebnisse mit der eigenen Modellbahn verschaffen.

Der Platz im Führerstand einer Lokomotive ist ein Kindheitstraum seit es die Lokomotiven gibt. Lokomotivführer, das wollen irgendwann mal alle aufgeweckten Jungen werden. Lange bevor sie dann durch Streiks der Lokführergewerkschaft erfahren, wie schlecht der Job in Wirklichkeit bezahlt ist, geben die meisten den Berufswunsch auf und lernen etwas anderes. Wie wenig von dem Kindheitstraum mit den Jahren übrig bleibt, daran erinnert einen Nacht für Nacht die ARD, wenn sie die „Schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ ausstrahlt – als Einschlafhilfe.

Michael Behnke will diesen Traum wiederbeleben. Der smarte Werbekaufmann möchte erwachsenen Menschen Führerstandserlebnisse verschaffen, nachträglich sozusagen. Für den Modellbahnhersteller Märklin hat er eine Videobrille entwickelt, die per Funk mit einer Kamera in einem Modell-ICE verbunden ist. Das Modell kostet rund 800 Euro und ist ab November im Handel. Wer die schnittige Brille mit der dicken Stabantenne aufsetzt, sieht nichts anderes als vorher: seine eigene Modelleisenbahn. Aber aus anderer Perspektive. „Wir öffnen eine neue Dimension“, sagt Behnke.

Mal sehen. In der Göppinger Fabrik ist eine Teststrecke aufgebaut. Langsam setzt sich die Landschaft in Bewegung. Bewegt sich der Kopf, schwenkt das Blickfeld nach links und rechts. Das Bild ruckelt etwas wie die Übertragung aus einem Formel-1-Cockpit, aber die beiden Bildschirme vor den Augen zeigen deutlich Bahnsteige, Bäume, Kühe. Wenn man nicht erschrickt, über der kleinen heilen Modellwelt einen Godzilla-großen Umriss zu erspähen (in jeder Runde gerät man selbst ins Blickfeld), dann gewinnt man bei schneller Fahrt durchaus den Eindruck, im Führerstand auf einer der schönsten Bahnstrecken Deutschlands zu fahren.

Neugierig mustert Behnke bei der Rückgabe der Brille, wie die Testfahrt gewirkt hat. Teilt jemand seinen Eindruck, mit der Videobrille „einen gigantischen Fortschritt“ zu erleben, gar eine „Revolution“? Das klingt natürlich total übertrieben – oder absolut plausibel. Je nachdem, welche Brille man aufsetzt.

Aus seiner Sicht versucht der Entwickler, dem Modellbahngeschäft wieder neues Leben einzuhauchen. Kinderträume werden heute von Videospielen beherrscht, nicht von Märklin-Neuheiten wie der „Baureihe BR232 ‚Ludmilla‘ der Deutschen Reichsbahn“. Um frische Produkte zu kreieren, wurde Behnke zum Leiter von „Märklin Toys“ ernannt, der Spielzeugabteilung. Die gab es vorher nicht. Mit Spielzeug hatte Märklin nämlich nicht mehr viel zu tun.

„Modelleisenbahn ist zur Nische von Sammlern und Geldanlegern geworden“, sagt er. „Das Element des Spielens haben wir komplett verloren.“ Er seufzt. Diesem Hobby zu frönen, sei „extrem seriös geworden“. Ist mal eine Niete nicht an der Stelle wie beim Original, gibt’s direkt Proteste. Aus der Perspektive der angestammten Kundschaft bricht er daher Tabus: Er will Spielspaß und verzichtet auf Originaltreue. Im Kamera-ICE musste zum Beispiel die Frontscheibe weichen. „Es geht mir nicht darum, einen authentischen Zug aufs Gleis zu stellen, sondern eine Illusion zu wecken“, sagt Behnke, als ob er sich verteidigen müsste.

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