Medizin
Ältere Patienten werden oft falsch behandelt

Auch wenn die Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland allgemein gut ist, so hat die medizinische Betreuung doch noch immer Lücken. Eine davon ist die Geriatrie – die Behandlung älterer Patienten. Gerade in diesem Bereich ist spezielles Fachwissen gefordert.

BERLIN. Die Geriatrie ist in Deutschland noch wenig entwickelt. Eine spezielle Behandlung für ältere Menschen gibt es nur selten. „Die Geriatrie ist noch nicht mal ein eigener Fachbereich, sondern hat bislang von der Ausbildung her einen ähnlichen Status wie die Flug- oder Tauchmedizin“, ärgert sich Olaf Hagen, Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik Bochum. Wegen unzureichender Kenntnis und Ausbildung würden alte Menschen hierzulande oft unzureichend behandelt, beklagt auch Cornel Sieber, Chefarzt für Geriatrie im Klinikum Nürnberg und geriatrischer Leiter des Instituts für Biomedizin des Alterns. Beide Mediziner fordern eine altersgerechte Gesundheitsversorgung auch für Deutschland.

Wie diese aussehen könnte, zeigt das folgende Praxisbeispiel: Der 70-jährige Parkinsonkranke zeigte alle Symptome einer fortgeschrittenen Schüttellähmung – von der Schluckstörung über Muskelzittern bis zum steifen Gesicht. Dann kam auch noch hohes Fieber hinzu, ein unüberhörbares Röcheln, der Mann war, bedingt durch seine Schluckbeschwerden, völlig verschleimt, was zu einer Lungenentzündung führte. Ein Arzt ohne geriatrische Spezialausbildung würde jetzt Antibiotika verschreiben und alle anderen Medikamente absetzen, so lange der Schluckapparat nicht richtig arbeitet. Das würde den Patienten aber ans Bett fesseln und könnte ihn völlig aus der Bahn werfen.

In der Medizinisch-Geriatrischen Klinik in Bochum würde neben der Standardbehandlung die Ursache der Schluckstörung abgeklärt, dann eine Magensonde gelegt, um weiterhin medikamentös die Symptome der Parkinsonerkrankung zu mildern. Zudem würden die Geriatriker ergründen, welche Nahrung der Patient zu sich nehmen kann. Vor allem würde der Bewegungsapparat des Mannes behutsam gefordert, damit er nicht seinen Gleichgewichtssinn einbüßt. – „Was schnell gehen kann“, sagt Olaf Hagen.

Altersmedizin ist ein Zukunftsthema: Im Jahr 2050 wird ein Drittel aller Deutscher älter als 65 Jahre sein. Dann werden die sogenannten „Geriatric Giants“, die größten Gebrechen wie Instabilität, Immobilität, Inkontinenz und intellektueller Abbau, in der medizinischen Versorgung eine immer größere Rolle spielen. „Hinzu kommt, dass viele alte Menschen unter einer Art Multimorbidität leiden – im Vordergrund steht eine Erkrankung,die andere im Hintergrund überdeckt“, erklärt Hagen. Daher werde oft nur vordergründig behandelt, was die Situation des Patienten nicht wirklich dauerhaft verbessert.

In Bochum setzt man zudem auf Prävention. In so genannten „Geriatrischen Assessments“ wird abgeklärt, welche akute und latente Erkrankungen vorliegen, um vorherzusagen, ob etwa der Schwindel über kurz oder lang zu einem schlimmen Sturz führen oder die Medikation einen plötzlichen Blutdruckabfall auslösen könnte.

„Die Akutmedizin muss durch eine Früh–Reha begleitet werden“, sagt Ann-Kathrin Meyer, Leiterin der Abteilung für Geriatrie am Krankenhaus Hamburg-Wandsbek und Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG). Gemeint ist, dass nach einem Schlaganfall etwa, sehr früh wieder gelernt wird, zu sprechen, zu laufen und zu essen. „Das erfordert eine qualifizierte Betreuungsmedizin und nicht nur eine schulmedizinische Versorgung“, unterstreicht Meyer. Der Einsatz teurer diagnostischer Verfahren bringe wenig, wenn es allein schon an der Krankengymnastik mangele. Denn wer mit 80 Jahren ein paar Tage im Bett liegt, der wird Wochen brauchen, um sich davon wieder zu erholen – oder schafft es gar nicht mehr auf die Beine.

Was manchen Patienten buchstäblich umhaut, sind die verordneten Medikamentencocktails. „Oft liegen mehrere Grunderkrankungen wie Herzschwäche, Diabetes und Demenz vor. Sie werden mit Präparaten behandelt, die untereinander wechselwirken“, sagt Meyer. Hier komme es darauf an, die richtige Kombination zu finden. „Weniger ist manchmal mehr“, sagt die Hamburger Ärztin. Kollege Olaf Hagen ist der Meinung, dass nicht mehr als fünf Präparate gegeben werden sollten, weiß aber auch, dass dies sehr viel Mut erfordert. „Mit jedem neuen Medikament nimmt die Gefahr von Nebenwirkungen exponentiell zu. Die Folgen von Aufhebung bis Zunahme der Wirkung sind schwer kalkulierbar, da nicht jeder Behandelnde jeden Wirkstoff in all seinen Interaktionen mit anderen kennen kann“, sagt Hagen.

In den USA informiert die Beers-Liste über Medikamente, die sich nicht für Ältere eignen. In Deutschland gibt es noch nichts vergleichbares. Ein Forscherteam um Petra Thürmann, Lehrstuhlinhaberin für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten/Herdecke, will dies ändern und arbeitet an einer ähnlichen Liste für deutsche Arzneien. Dafür werden Daten über die Behandlung von 6 000 Senioren gesammelt – denn Medikamententests und Studien mit Alten gibt es kaum. Auch daran zeigt sich, dass das Thema Geriatrie nicht wirklich in Deutschland angekommen ist.

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