Neues Geschichtsbuch
Versuch einer Renaissance

Wie erlebten Deutsche und Franzosen die Nachkriegszeit? Etwa den Indochinakrieg, die Wiedervereinigung? Das erste deutsch-französische Geschichtsbuch stellt die gemeinsame Geschichte beider Länder dar und soll die bilateralen Beziehungen beleben. Eine Premiere mit Problemen.

PARIS / DÜSSELDORF. Schüler sollen die Geschichte ihrer beiden Länder künftig grenzüberschreitend mit einem gemeinsamen Lehrbuch erlernen: Inhaltlich sind die 336 Seiten mit Quellen, Karten und Grafiken in "Histoire/Geschichte - Europa und die Welt nach 1945" absolut identisch und auf Deutsch oder Französisch jeweils im Klett-Verlag und im Pariser Verlag Nathan erschienen.

Dass Deutsche und Franzosen keine Erbfeinde mehr sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Der gestenreiche Versöhnungseifer, der noch Helmut Kohl und François Mitterrand dazu bewegte, minutenlang auf dem Schlachtfeld von Verdun Händchen zu halten, ist inzwischen selbst Geschichte geworden. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass dem politischen Willen, die derzeit eingeschlafen wirkende deutsch-französische Freundschaft neu zu beleben, das erste gemeinsame deutsch-französische Schul-Geschichtsbuch entsprang: eine Premiere mit politischer Intention.

Die Geschichte des Buches ist im Grunde länger als die deutsch-französische Freundschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Schon 1932 hatten die Historiker Fritz Kern aus Deutschland und Jean de Pange aus Frankreich die Idee eines gemeinsamen Handbuchs für die deutsch-französischen Beziehungen. Das Projekt scheiterte jedoch mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus.

Dann vergingen mehr als 70 Jahre: Erst 2003, zum 40. Jahrestag des deutsch-französischen Élysée-Vertrages, griffen der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac die Idee wieder auf. Auslöser war der Wunsch des deutsch-französischen Jugendparlaments, das sich an den unterschiedlichen Interpretationen der Geschichte störte. 2004 wurde eine Kommission mit Historikern aus beiden Ländern ins Leben gerufen, um das Konzept zu erarbeiten. Fünf französische und fünf deutsche Geschichtslehrer machten sich an die Arbeit und schrieben das Buch.

In dieser Phase zeigte sich, wie unterschiedlich beide Länder sind. In Frankreich musste das Buch nur von einer zentralen Schulbehörde für den Unterricht genehmigt werden, in Deutschland von 16 Kultusministerien. Dem saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller, Bevollmächtigter für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit, gelang es, das Genehmigungsverfahren in allen Bundesländern durchzubringen. Eine weitere Premiere: "Histoire/Geschichte" ist das erste bundesweit zugelassene Schulbuch. Bisher gibt es kein Lehrwerk, mit dem alle Schüler bundesweit lernen.

Das Geschichtsbuch beginnt mit der unterschiedlichen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Es geht weit über die bisherigen Werke hinaus und berichtet über die unterschiedlichen Probleme in Frankreich und Deutschland bei Kriegsende. Das Kapitel "Stunde null" in Deutschland zeigt ein Plakat mit Vertriebenen: "6 000 Umsiedler kommen 1947 nach Chemnitz - Gebt ihnen eine neue Heimat!" Im Kapitel "Das befreite Frankreich" berichten die Autoren, dass "die Besatzungszeit Frankreich innenpolitisch zwischen Widerstandskämpfern und Kollaborateuren zerrissen hatte". Der Stoff umfasst auch die neuere Geschichte beider Länder. Die französischen Schüler erfahren mehr über die Geschichte der DDR und die Wiedervereinigung, deutsche Schüler werden mit dem Problem der Entkolonialisierung konfrontiert.

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