Optische Industrie
Linsen brauchen Schwermetalle

Die optische Industrie hofft, dass sie Blei und Cadmium weiter nutzen darf - für die Herstellung von Gläsern oder zum Einsatz in Lötverbindungen. Die EU-Richtlinie RoHS macht den Firmen schon jetzt viel Arbeit. Ein Totalverbot wäre für die Industrie verheerend.

WERTHER. Auf Otmar Deubzer wartet eine ganze Branche. Der Wissenschaftler am Fraunhofer Institut für Zellulare Mikrotechnik, erforscht derzeit die Gefahren von Blei und Cadmium. Im Auftrag der Europäischen Union untersucht er mit dem Freiburger Öko-Institut, wie gefährlich die Schwermetalle wirklich sind, wenn die optische Industrie sie bei der Herstellung von Gläsern verarbeitet. Außer in der Glas-Industrie und zum Einsatz in Lötverbindungen sind Blei und Cadmium nämlich schon seit 2002 in der EU verboten. Das schreibt die RoHS-Richtlinie vor, die Ausnahme-Erlaubnis läuft im kommenden Jahr aus. Deubzers Gutachten soll die Grundlage für die Entscheidung darüber liefern, ob man sie bis 2014 verlängert.

Für die Industrie wäre ein Totalverbot verheerend: Blei und Cadmium sind unverzichtbarer Bestandteil bei der Herstellung von Präzisions- und Filtergläsern, etwa für Röntgengeräte, Infrarot-Systeme oder Barcode-Lesegeräte. "Fast die gesamte optische Industrie verarbeitet Blei im Glas", sagt Birgit Ladwig, Leiterin des Fachverbands Photonik und Präzisionstechnik beim Industrieverband Spectaris. Auch Linsen, die hohe Temperaturen aushalten müssen, enthalten Blei. Cadmium wird gebraucht, um optische Filter für einige Spektralfarben herzustellen.

Problem dabei: Nicht nur die Glaserzeugung selbst, auch die Verarbeitung der giftigen Schwermetalle ist gefährlich. Die EU fordert daher eine "bleifreie" Verlötung. Die Alternative Silber ist nicht nur teurer, sondern verbraucht auch mehr Energie. Unsicher ist zudem, wie lange solche Silber-Legierungen halten.

Fraunhofer-Forscher Deubzer untersucht die alternativen Lötverfahren. Noch liegen die Ergebnisse unter Verschluss. Deubzer verrät lediglich soviel: "Die Ausnahmeregelung ist nur sinnvoll, wenn Blei und Cadmium sich weder mit einem anderen Stoff noch mit einer anderen Technologie ersetzen lassen."

Wenn die blei- und cadmiumfreie Technik sogar noch umwelt- oder gesundheitsschädlicher ist, werden Alternativen sinnlos. Das könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn das Ersatzmaterial den Energieverbrauch so weit erhöht, dass die Kohle bei der Energieerzeugung mehr Blei freisetzt, als durch die neue Technik vermieden werden soll.

Die Branche erwartet die Brüsseler Entscheidung mit Spannung. Denn von ihr hängt die Zukunft einer Schlüsseltechnologie ab, mit rund 100 000 Beschäftigten. Fast jeder achte Arbeitsplatz im verarbeitenden Gewerbe hängt mit Technolgien der optischen Industrie zusammen.

Beim Mittelständler Sill Optics aus Wendelstein verlassen täglich über tausend Linsen die Produktion. Sie kommen in der Bildverarbeitung und in der Lasertechnik zum Einsatz. 40 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen bereits in der Sparte Laseranwendungen, 40 Prozent entfallen auf Bildverarbeitung und 20 Prozent auf eigene Geräte und Messtechnik.

Schon jetzt kommt die Ausnahme-Regelung der EU das über hundert Jahre alte bayerische Traditionsunternehmen teuer zu stehen: "Unser Kunden erwarten, dass wir die Konformität unserer Produkte mit RoHS bestätigen", sagt Berndt Zingrebe, geschäftsführender Gesellschafter von Sill. Die Bürokratie aus Brüssel koste ihn nicht nur Zeit, sondern auch Geld, beschwert sich der Unternehmer. "Die Zertifizierung macht eine Heidenarbeit. Wie haben eine Vollzeitkraft eingestellt, die nur mit RoHs beschäftigt ist." Wird die Ausnahmegenehmigung nicht verlängert, kommen auf Zingrebe weitere Kosten zu: "Wir müssten 40 Prozent der Produkte neu entwickeln." Die Investitionskosten dafür beziffert Zingrebe auf über 400 000 Euro. "Obwohl wir sehr innovativ sind, und jährlich rund 150 neue Objektive erstellen, produzieren wir auch viele Produkte, die schon sehr lange auf dem Markt sind." Und auch die Bestandsprodukte bräuchten neue Linsen.

Dabei, betont der Unternehmer, könnten Blei und Cadmium der Umwelt überhaupt nicht gefährlich werden, weil sie ja im Glas gebunden seien. Schleifpartikel, die in die Umwelt gelangen könnten, werden in Zingrebes Betrieb längst als Sondermüll entsorgt.

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