Produktsicherheit
Friedhof der Kuscheltiere

Ob Mattel, Toys 'R' Us oder jetzt Starbucks: Nach über 22 Millionen zurückgerufenen Spielzeugen aus chinesischer Produktion in den vergangenen zwei Monaten sind Kunden und Händler verunsichert – das Bedürfnis nach geprüften Spielwaren steigt. Um ihre Sicherheit zu beweisen, müssen immer mehr Stofftiere und andere Spielzeuge durch die Hölle gehen.

NÜRNBERG. Das einäugige Lamm starrt ins Leere, nebenan lässt der blaue Elefant seinen Rüssel hängen, der Eisbär mit dem angebrannten Fell streckt müde die Tatze. Dicht gedrängt sitzen die Stofftiere auf einem Regal im Labor der Landesgewerbeanstalt (LGA) in Nürnberg. Vor den Glasaugen der Kuschel-Krüppel wird gerade ein grinsender brauner Teddy-Bär in eine Halterung montiert. Ein Prüfer macht ihm Feuer unter dem Plüsch-Po: Die Flamme ist drei Zentimeter groß und beheizt drei Sekunden lang das Kuscheltier. Der brennende Bär lässt sich nichts anmerken. Grinsend hält er den Flammen zehn Sekunden lang stand. Test bestanden, der Teddy wird gelöscht. Lamm, Elefant und Eisbär dürfen sich über ein weiteres Testexemplar als Sitznachbarn freuen.

Rund 40 000 Kuscheltiere, Klötzchen und Kinderpuppen aus der ganzen Welt werden jedes Jahr von 60 Experten der LGA zerstückelt, verätzt und verbrannt. Die Wissenschaftler sind keine Spielzeugmasochisten, mit ihren Tests prüfen sie die Spielzeuge auf deren Sicherheit. Die LGA ist Europas größte Spielwarenprüfstelle, sie konkurriert mit weltweit tätigen Unternehmen, wie Bureau Veritas oder SGS. Die Tests der LGA kosten zwischen 500 und 15 000 Euro. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen rund 7 Millionen Euro mit Spielwarenprüfungen um. Neben dem Sitz in Nürnberg beschäftigt die Tochter der TÜV Rheinland-Gruppe 56 Prüfstationen in Fernost. Allein in Hongkong untersucht die LGA 1 000 Spielzeuge im Jahr.

Nach den letzten Rückrufaktionen chinesischer Produkte schauen viele Unternehmen genauer hin: Händler, wie Tchibo, Aldi oder Lidl und Spielwarenhersteller beauftragen die LGA mit Spielwarentests. Das Prüf-Unternehmen verzeichnet einen Anstieg um 50 Prozent bei den chemischen Spielzeugprüfungen. Auf den Gesamtumsatz in der Spielzeugprüfung bezogen, bedeuten die zusätzlichen Aufträge eine Steigerung um fünf Prozent. Bislang werde in Deutschland nur jedes vierte verkaufte Spielzeug auf seine Sicherheit von unabhängigen Prüfstellen getestet, schätzt der Geschäftsführer der LGA-Tochter Qualitest, Wilhelm Schubert. „Leider gibt es immer noch sehr viele Händler in Deutschland, die nahezu keine Prüfungen vornehmen“, sagt Schubert.

Der Startschuss für die Prüflinge des LGA-Testmarathons fällt in der chemischen Abteilung. Zwischen Reagenzgläsern und schlängelnden Schläuchen, wird dem grinsenden Teddy-Bär der rechte Arm amputiert. Mit einer Schere trennt Rüdiger Kohlhas das Gliedmaß ab und legt es in eine wässrige Lösung, die Kinderspeichel simuliert. In weiteren Glasschalen nehmen Teile von Quietsche-Enten und Barbie-Puppen ein Säurebad. Lösungsmitteldämpfe liegen scharf in der Luft. „Kinder lutschen oft am Spielzeug, in den schlimmsten Fällen verschlucken sie es. Wir messen in den Lösungen, ob dadurch gefährliche Substanzen freigesetzt werden“, sagt der Chemiker. Auf bis zu 100 verschiedene Inhaltsstoffe kann er die Spielzeuge testen. Schwermetalle, gefährliche Farbmittel, Flammschutzmittel und Weichmacher hat der Wissenschaftler schon gefunden. Die Folgen sind verheerend. „Solche Stoffe können langfristig Allergien, Organschäden und Krebs hervorrufen“, sagt Kohlhas.

Seite 1:

Friedhof der Kuscheltiere

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%