Quantensprung
Was Enten über Arten wissen sollten

Biologen rätseln über britische Enten. Die Tiere vermehren sich munter mit anderen Arten. Und zeugen dabei auch noch fruchtbare Nachkommen. Eine merkwürdige Sexualpraktik, findet Axel Meyer, Professor für Evolutionsbiologie an der Uni Konstanz.
  • 0

Maultiere gehen bekanntlich aus der "Hochzeit" von Eseln und Pferden hervor. Doch egal was für gute Eigenschaften ein Maultier auch haben mag, evolutionär gesehen ist es eine Sackgasse, denn Maultiere sind steril. Sie müssen daher in jeder Generation neu "gemacht" werden und sind, zumindest nach dem biologischen Artenkonzept, keine eigene Art.

Es gibt viele konkurrierende Definitionen, was Arten eigentlich sind. Das biologische Artenkonzept ist das am weitesten akzeptierte. Es besagt, dass Individuen einer Art sich auch nur mit anderen Mitgliedern ihrer Art fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen zeugen können.

Das Schöne am biologischen Artenkonzept ist, dass uns die Tiere selber zeigen, dass sie zur gleichen Art gehören, indem sie sich miteinander fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen zeugen. Oder eben auch nicht. Es gibt jedoch viele theoretische und auch praktische Probleme mit dieser Idee. Eine davon ist die Hybridisierung.

Von den fast 9 000 bekannten Vogelarten kreuzen sich zum Beispiel ganze 10 bis 15 Prozent miteinander. Enten sind die Schlimmsten: Sie scheinen noch nie etwas vom biologischen Artenkonzept gehört zu haben. So sind etwa 75 Prozent aller britischen Entenarten bekannt dafür, dass sie sich gelegentlich außerhalb ihrer Art fortpflanzen und dabei fruchtbare Nachfahren produzieren. Trotz all meiner Vorurteile gegenüber der Häufigkeit und Verbreitung merkwürdiger Sexualpraktiken bei den Briten - zumindest bei deren Parlamentariern - glaube ich nicht, dass britische Erpel besonders willkürlich in der Partnerwahl sind.

Amerikanische Dunkelenten (Anas rubripes) waren einmal die häufigste Entenart im Osten des nordamerikanischen Subkontinents. Aber die von europäischen Siedlern eingeführte Stockente (Anas platyrhynchos) hybridisiert häufig mit der Dunkelente. Beide Arten sind heute mit gängigen genetischen Methoden fast nicht mehr zu unterscheiden.

Es wurde daher spekuliert, dass die Dunkelente nie eine eigene Art gewesen sei, sondern nur eine von vielen Farbvarianten der Stockente. Allerdings konnten neuere DNA-Studien an alten Museumssammlungen das widerlegen. Nach einem Jahrhundert der Hybridisierung zwischen den beiden Entenarten sieht die Zukunft der Dunkelenten jedoch ziemlich düster aus.

Kommentare zu " Quantensprung: Was Enten über Arten wissen sollten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%