Richtig schenken
Gefährliche Liebesgaben

Die reine Minne gibt sich bescheiden. Denn wer zu großzügig gibt, der kann Verstimmung provozieren – lehrt die Erfahrung. Schließlich ist Schenken längst als nur vordergründig uneingennützig entlarvt worden. Schon die Dichter in Antike und Mittelalter empfahlen Mäßigung. Ein Ratgeber für angemessenes Schenken.
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DÜSSELDORF. Je größer die Liebe ist, desto heikler kann das Schenken werden. Ein unpassendes Geschenk erzeugt Peinlichkeit, kann sogar beleidigen und Zuneigung zerstören. Soll man also jeden ökonomischen Verstand aufgeben und sich verausgaben, um zu zeigen, wie wertvoll der Beschenkte ist? Aber können materielle Werte überhaupt Zeichen wahrer Liebe sein? Also lieber gar nichts schenken, um materielle Verlockungen von vornherein auszuschließen?

Die besondere Schwierigkeit von Liebesgaben liegt darin, wie der Kieler Altgermanist Ludger Lieb feststellt, dass Liebesgaben eine Schnittstelle von Liebe und Ökonomie darstellen. Er hat Geschenke zwischen Liebespaaren aus literaturgeschichtlicher Perspektive untersucht („Kann denn Schenken Sünde sein?“, in Annette Kehnel, Hg.: „Geist und Geld“, 2009). Ein Aspekt des Schenkens, den bisherige Forschungen ignorierten.

Geben ist nicht immer Zeichen der Güte

Geschenke sind von Anthropologen und Soziologen längst als nur vordergründig altruistisch entlarvt worden. In jeder Gabe liege eine „Kraft, die bewirkt, dass der Empfänger sie erwidert“, stellte der Soziologe Marcel Mauss in „Le don“ („Die Gabe“) 1923 fest.

Will der Beschenkte sich nicht wie ein Almosenempfänger erniedrigen, übernimmt er, wie Mauss erkannte, die Verpflichtung, etwas zurückzugeben. Daher ist das Geschenk ein ökonomischer und sozialer Akt, der in allen Kulturen vorkommt. Ohne Geben (und Nehmen) kann es keine Gemeinschaft und keine Gesellschaft geben.

Wenn jemand etwas gibt, dann steht in der Regel eine Absicht dahinter. Der Soziologe Helmuth Berking listet in seiner „Anthropologie des Gebens“ einige auf: „eine Macht erwerben, einen symbolischen Tausch realisieren, Bindungen und Bündnisse initiieren, Rechte und Pflichten attribuieren, subjektive Bedeutungen objektivieren, … strategische Orientierungen in altruistische Motive kleiden, soziale Herausforderungen als Wohltätigkeit stilisieren, beehren, beschämen, hierarchisieren und stratifizieren, solidarisieren, reziproke Anerkennungsformen einfädeln, egalisieren und intimisieren.“

„Liebe zeigen“ fehlt in dieser Liste bezeichnenderweise. Liebesgaben sind ein besonders prekärer Fall, wie Lieb feststellt. Gerade weil ein Geschenk kaum ganz frei sein kann von einem „ökonomischen Mechanismus“, kann es die Reinheit einer Empfindung verletzen. Davor zumindest warnen die antiken und mittelalterlichen Dichter, die Lieb als Schenkratgeber für Verliebte ausgegraben hat.

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