Schwerer Abschied vom Rauchen
Wenn Neuronen nach mehr schreien

Der Abschied vom Rauchen fällt schwer. Fast ein Drittel der 20 bis 22 Millionen deutschen Raucher würde gerne den Glimmstängel endgültig ausdrücken - aber die meisten scheitern. Suchtexperten suchen Mittel gegen das unbändige Verlangen nach Nikotin.

DÜSSELDORF. Gegen den blauen Dunst drücken die Abgeordneten aufs Tempo. Noch während der Sommerpause müsse die Bundesregierung mit den Arbeiten an einem Gesetzentwurf zum Nichtraucherschutz beginnen, fordert die drogenpolitische Sprecherin der Union, Maria Eichhorn. Ab 2007 soll das Rauchen am Arbeitsplatz und in öffentlichen Gebäuden verboten sein.

Fast ein Drittel der 20 bis 22 Millionen deutschen Raucher würde gerne auch ohne Gesetz den Glimmstängel endgültig ausdrücken - aber die meisten scheitern. "Nur drei bis sechs Prozent aller Aufhörwilligen sind nach einem Jahr noch abstinent", erzählt Anil Batra von der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen. Der Schriftsteller Mark Twain machte die Erfahrung am eigenen Leib: "Mit dem Rauchen aufzuhören ist die einfachste Sache der Welt. Ich weiß das, weil ich es schon Tausende Male gemacht habe."

Anders als zu Twains Zeiten weiß die Wissenschaft heute, warum der Abschied selten gelingt. Das Gift der Tabakpflanze (Nikotiniana Tabacum) ist eines der wirksamsten Suchtmittel. "Nikotin erzeugt eine äußerst ausgeprägte Abhängigkeit", sagt Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Diese Erkenntnis hat zu einem Umdenken geführt. "Früher galt Rauchen als schlechte Angewohnheit", sagt Batra. "Tatsächlich handelt es sich aber um eine Suchterkrankung mit einem klaren hirnphysiologischen Hintergrund."

Der fatale Abhängigkeitsmechanismus wird immer exakter verstanden. Bis nach einem tiefen Lungenzug die ersten Nikotinmoleküle das Gehirn erreichen, vergehen ganze sieben Sekunden. Dort docken sie an bestimmte Rezeptoren auf Nervenzellen an, was dann zur Ausschüttung einer Reihe von Botenstoffen führt: Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, Dopamin. Diese Neurotransmitter entfalten in verschiedenen Bereichen des Zentralorgans ihre Wirkungen und vermitteln jene Effekte, die der Raucher so schätzt: erhöhte Konzentrationsfähigkeit, Wachheit, Entspannung.

Dreh- und Angelpunkt des "Nikotinflashs" ist das Belohnungssystem. Kiefer spricht lieber vom "motivationalen System", weil es generell die Motivation steuert, etwas zu tun oder nicht. "Das Gehirn beurteilt die Güte all unserer Handlungen", erklärt er. "Wenn ein Ereignis eine Aktivierung des Belohnungssystems bewirkt, wird es positiv bewertet." Eigentlich soll dieser neuronale Schaltkreis lebenswichtige Verhaltensweisen verstärken. Sex, gutes Essen, Begegnungen mit netten Menschen führen im "Nucleus accumbens" zur Ausschüttung von Dopamin. Mit dem starken Glücksgefühl, das dieser Botenstoff auslöst, werden wir für diese Handlung belohnt und bekommen Lust auf mehr. Schließlich ist es in der Regel sinnvoll, Aktivitäten wie Fortpflanzung oder Nahrungsaufnahme zu wiederholen. "So lernen wir, dass wir etwas immer wieder tun sollten", sagt Kiefer.

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