Transdisziplinarität
Jenseits der Elfenbeintürme

Welche Auswirkungen hätte die Abschwächung oder das Ende der thermohalinen Zirkulation im Atlantischen Ozean ("Golfstrom") für die Küstenregionen und deren Wirtschaftsleben? Das können weder Ökonomen noch Klimatologen oder Meeresforscher allein beantworten.

DÜSSELDORF. Politik und Öffentlichkeit stellen aber mit Vorliebe solche Fragen, die aus den komplexen Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Natur erwachsen - und verlangen nach Antworten der Wissenschaft. Fragen und Antworten also, die die Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen, vielleicht sogar der akademischen Wissenschaft als Ganzes, überschreiten. Wissenschaftstheoretiker sprechen dann von "Transdisziplinarität" (Lateinisch "trans": "über ? hinaus, jenseits"). Als Konzept entwickelte der deutsche Philosoph Jürgen Mittelstraß Transdisziplinarität in den achtziger Jahren aus dem - wie er sagt - "reichlich oberflächlichen Konzept" der Interdisziplinarität: Nicht nur eine vorübergehende Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen, die sich dadurch kaum verändern, sondern eine "problembezogene Kooperation, die die Forschungsgewohnheiten und Denkweisen verändert".

Mittelstraß sieht Transdisziplinarität als forschungsleitendes Prinzip, das Problemlösungen für Themen ermöglicht, die gesellschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen bestimmen. Es gehe aber nicht darum, die Disziplinen aufzulösen. "Man muss in einer Disziplin zu Hause sein, etwas genau wissen, um sich auf anderes einlassen zu können."

Universalgelehrte wie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) sind nach Jahrhunderten des immer rasanteren Erkenntnisgewinns und der Entstehung immer neuer Teildisziplinen nicht mehr denkbar. "Aber wir brauchen Wissenschaftler, die über den Tellerrand schauen können", fordert Mittelstraß. Die großen Themen der Zukunft erfordern es. Energie: Wer möchte dazu nur die Antworten von Atomphysikern hören? Umwelt: Biologen und Geographen kommen nicht ohne ökonomische Expertise aus. Klima: Was es mit dem Menschen anstellt, können Klimatologen allein nicht wissen, Soziologen und Historiker sind gefragt. Gesundheit: Mediziner müssen sich nicht nur mit Genforschern, sondern auch mit Ökonomen, vor allem Statistikern, zusammenraufen.

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