Tunnelbau im Gotthardmassiv
Heidis stahlharte Zähne

Unter 2 500 Meter hohem Fels wird ein neuer Gotthard-Tunnel durchs Zentralmassiv der Alpen getrieben. Am heutigen Donnerstag feiern die Ingenieure des Rekordprojekts ein Etappenziel.

BODIO. Bernd Schockemöhle ist alles andere als ein zerrissen wirkender Mensch. Doch was er sagt, steckt voller Widersprüche. Von der „Quälerei“ spricht er, von einem „langen Stück harter Arbeit mit vielen Problemen“. Mehr noch: Diese Probleme seien noch gar nichts im Vergleich zu den Schwierigkeiten, die in den nächsten Monaten und Jahren auf ihn zukämen. Und dann das: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt auf der schönsten Baustelle der Welt.“

Man muss wohl Tunnelbauer mit Doktortitel sein und gerade dem Gebirge unter dem Gotthardmassiv zwei parallele, zusammen gut 30 Kilometer lange Röhren abgerungen haben, um den 41-jährigen Westfalen aus Schwerte an der Ruhr zu verstehen. Heute ist sein Festtag.

Gegen 15 Uhr wird „Heidi“, die gewaltige Tunnelbohrmaschine, ihre 58 stahlharten Zähne noch einmal im ebenso harten Leventina- und Lucomagno-Gneis rotieren lassen – bis der letzte Fels fällt und die Zähne in gleißendem Flutlicht in einem der Zwischenstollen aufblinken werden, in der so genannten „Multifunktionsstelle“. Dort werden später einmal Hochgeschwindigkeitszüge auf der Strecke Zürich-Mailand das Gleis und die Tunnelröhre wechseln, und Passagiere können im Notfall evakuiert werden. Ein Etappenziel beim 57 Kilometer langen Jahrtausendbauwerk Gotthard-Basistunnel ist erreicht: Die parallelen Röhren von Bodio nach Faido sind fertig.

Das Drehbuch für das Ereignis ist schon geschrieben. Bernd Schockemöhle wird die letzten Meter vor dem Durchbruch an Bord der Bohrmaschine, einem über 400 Meter langen, komplexen Lindwurm, miterleben. Wenn sie dann ihr ohrenbetäubendes Wirken eingestellt hat, wird er sich von 120 Mitarbeitern persönlich mit Handschlag verabschieden. Dann wird er dem Vertreter des Bauherren den Zündschlüssel der Bohrmaschine überreichen. Die hat vorerst ausgedient, muss neu präpariert werden für die nächste Teilstrecke.

Tief im Berg wird sich heute so etwas wie Feierlichkeit ausbreiten. „Es ist eine Mischung von Stolz und Erleichterung, von Euphorie und Wehmut. Ein menschlicher und technischer Höhepunkt“, beschreibt der Mann, der seit den bohrenden Anfängen in Bodio, dem künftigen Südportal des Gotthard-Basistunnels, Chef der gigantischen Baustelle war.

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