Umweltschutz
Unter Wasser wird es ungemütlich

Nach Übungen der US-Marine im Pazifik mit Sonar-Geräten starben im Herbst 2005 hunderte Wale und Delfine an der Küste Australiens. Für sie gibt es keinen Gehörschutz - und menschliche Aktivitäten im Meer sind laut. Fische und Meeressäuger leiden unter dem Ozeanlärm.

HAMBURG. Im Vortragssaal ist zuerst nur ein helles Grollen zu hören, hervorgerufen durch das langsame Tuckern eines kleinen Schlauchboots. Dann folgt das schrappelnde Geräusch eines Propellers von einem Riesentanker, und schließlich erklingt ein infernalisches tiefes Donnern. Unwillkürlich zucken die Zuhörer im Meeresmuseum Stralsund zusammen. "Keine Angst", erklärt Joel Reynolds von der amerikanischen Umweltgruppe National Resources Defence Council (NRDC), "wir haben den Schallpegel des U-Boot-Sonars künstlich reduziert. In Wirklichkeit würden Ihnen jetzt die Ohren platzen, und Sie würden taub werden."

Welche Auswirkungen der Lärm unter Wasser haben kann, zeigt der Biologe Reynolds dann eindrucksvoll auf den nächsten Bildern: massenhaft gestrandete Wale mit Hirnblutungen, blutigen Ohren und geplatzten Lungen. Mindestens zwei Dutzend solcher Walstrandungen - wie beispielsweise auf den Bahamas im März 2000 - gehen mittlerweile auf das Konto von Experimenten mit militärischen Sonaranlagen. Sonar (Sound Navigation and Ranging) ist eine Technik zur Ortung von Objekten mittels akustischer Signale, die vor allem von Kriegsschiffen eingesetzt wird.

Der Lärm im Meer ist zu einem brisanten Thema geworden, da er immer mehr zunimmt und die Meerestiere stresst. Ob Schiffsmotoren, Ölplattformen, seismische Tests, akustische Scheuchvorrichtungen, Freizeitanlagen oder Windparks: In den Küstenmeeren dröhnt, donnert und pfeift es in allen Winkeln. Dabei kann der Schall sich unter Wasser besonders gut ausbreiten: Hier ist er mit etwa 1 500 Metern pro Sekunde viel schneller als in der Luft, wo er unter normalen Bedingungen ungefähr 340 Meter pro Sekunde schafft.

Gefährdet sind vor allem Wale und Delfine, denn sie leben in einer akustischen Welt. Das hoch entwickelte Gehör der Meeressäuger ist ihr wichtigstes Sinnesorgan und für die Kommunikation, Beutesuche und Orientierung unentbehrlich. Der Pottwal beispielsweise ortet mit seinem natürlichen Sonarsystem, ähnlich dem "Radar" von Fledermäusen, in der Finsternis der Tiefsee seine Nahrung: Tintenfische. Buckelwale nutzen ihre Gesänge für die Umwerbung bei der Balz, und die verschieden Orcagruppen übermitteln sich in den Gewässern um Vancouver Island im Nordpazifik spezielle Warnrufe, um territoriale Rudelkämpfe zu vermeiden. Und Blau- und Finnwale können über mehrere tausend Kilometer miteinander kommunizieren, indem sie den so genannten Deep Sound Channel der tieferen Wasserschichten nutzen. Seit 40 Millionen Jahren haben sich die einstigen Landtiere an das akustische Milieu im Meer angepasst. Nun stören menschgemachte Schallwellen das Verhalten dieser Tiere massiv.

Speziell gefährdet ist dieser Orientierungs- und Verständigungssinn durch das so genannte aktive niederfrequente Sonarsystem (Low Frequency Active Sonar, LFAS) der Nato-Seestreitkräfte und anderer Kriegsschiffe. Studien unabhängiger Institute zeigen ernsthafte Folgen wie Taubheit, innere Verletzungen und Verhaltensstörungen des LFAS-Einsatzes auch auf Fische.

Der durch aktive Sonarsysteme verbreitete Lärm ist enorm: Der Schallpegel einer LFAS-Quelle beträgt im Einsatz 240 Dezibel (dB), die Schmerzschwelle des Menschen liegt bei einem Schalldruckpegel von 130 dB. Verwendet man einen konservativen Lärmberechnungsfaktor, dann entspricht der LFAS-Schallpegel von 240 dB im Wasser dem Lärm, der sieben Meter entfernt von einer startenden Saturn-Rakete herrscht.

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