Weiße Biotechnik
Quelle der Innovation

Der chemischen Industrie steht eine Revolution bevor: In den kommenden Jahren wird die Weiße Biotechnik viele Prozesse ersetzen, denn Enzyme und Mikroben arbeiten umweltschonender und billiger – und führen die Branche aus der Abhängigkeit vom Öl.
  • 0

Sehr, sehr heiß und reichlich sauer, das trifft genau seinen Geschmack: Auf ostdeutschen Bergwerkshalden entdeckten Forscher vor einigen Jahren einen winzigen Organismus, der extrem ungewöhnliche Lebensgewohnheiten hat. Am besten gedeiht er in kochend heißer Säure. Die gesamte Energie, die er zum Wachsen braucht, holt sich der Überlebenskünstler aus dem Schwefel, der aus den Halden ausgewaschen wird. Er kann ihn mithilfe spezieller Enzyme, den Katalysatoren der Natur, biochemisch umsetzen. Normale – organische – Nährstoffe verschmäht Acidianus ambivalens, wie er inzwischen heißt.

In Bergwerksabwässern, heißen Quellen, Salzseen oder dem arktischen Eis nach Lebewesen zu suchen scheint nur auf den ersten Blick verwegen. Denn an solchen unwirtlichen Orten finden Forscher besonders leicht hartgesottene Mikroben wie Acidianus, die an extremste Lebensbedingungen angepasst sind. Sie sind für die Industrie besonders interessant, weil sie sich gut in technische Produktionsprozesse eingliedern lassen, die in der Regel bei hohem Druck und hohen Temperaturen und unter extremen chemischen Bedingungen ablaufen. Der Einsatz von Mikroorganismen oder hoch spezialisierten Enzymen vereinfacht meist die Abläufe und senkt nebenbei Kosten und Umweltbelastungen. Kein Wunder, dass die Weiße Biotechnik derzeit einen Boom mit jährlichen Wachstumsraten klar über dem Branchendurchschnitt erlebt.

Mit biotechnischen Methoden lassen sich nicht nur Medikamente herstellen und Nutzpflanzen optimieren, was als Rote und Grüne Biotechnik bezeichnet wird. Mit biotechnischen Methoden ist es ebenso möglich, den Ausstoß von Schadstoffen bei der Industrieproduktion zu reduzieren, Produkteigenschaften zu verbessern, Rohstoffe zu sparen oder neue zu gewinnen. „Das ist eine Zukunftstechnologie, die die Chemieindustrie – und nicht nur die – grundlegend transformieren wird“, sagt Karl-Heinz Maurer, der die Enzymforschung beim Waschmittelhersteller Henkel in Düsseldorf leitet. Ende 2006 hat er mit Holger Zinke, dem Chef der auf Enzymentwicklung spezialisierten Brain AG aus dem hessischen Zwingenberg, einen Industrieverbund rund um die Weiße Biotechnik gegründet.

Warum sich die chemische Industrie jetzt so massiv für die Weiße Biotechnik interessiert, hat laut Zinke einen handfesten Grund: „Nachdem sich die Preise vieler Rohstoffe, die in der chemischen Industrie eingesetzt werden, innerhalb weniger Jahre verdoppelt haben, setzt sich die Erkenntnis durch, dass alternative, nachwachsende Rohstoffe genutzt werden müssen.“ Und dabei hilft die Biotechnik.

Die Marktforscher sind geradezu euphorisch. McKinsey-Partner Jens Riese hat im Jahr 2005 allein bei chemischen Produkten, die bereits biotechnisch hergestellt werden, einen Umsatz von 77 Milliarden Euro ermittelt. Insgesamt dürfte die Zahl noch höher sein, wenn auch Lebensmittel, Kosmetika, Wasch- und Putzmittel sowie Textilien und Lederprodukte eingerechnet würden. Riese erwartet ein jährliches Wachstum von über zehn Prozent.

Seite 1:

Quelle der Innovation

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Kommentare zu " Weiße Biotechnik: Quelle der Innovation"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%