Wissenschaft
Alt-römische Badefreuden unter dem Bonner Kanzleramt

Unter dem Bonner Kanzleramt genossen vor rund 2000 Jahren die Römer Badefreuden. Archäologen legten bei Ausgrabungsarbeiten im ehemaligen Bonner Regierungsviertel vor dem Kanzleramt und dem Bundestagsplenargebäude die Überbleibsel einer großen öffentlichen Badeanlage frei.

dpa BONN. Unter dem Bonner Kanzleramt genossen vor rund 2000 Jahren die Römer Badefreuden. Archäologen legten bei Ausgrabungsarbeiten im ehemaligen Bonner Regierungsviertel vor dem Kanzleramt und dem Bundestagsplenargebäude die Überbleibsel einer großen öffentlichen Badeanlage frei.

Die alten Römer waren schon früh thermischen Wellness-Genüssen zugeneigt und konnten sich an vormodernen, aber energieeffizienten Fußbodenheizungen und mit Holzziegeln erwärmten Wänden erfreuen.

Wo vor wenigen Jahren noch die Parlamentarier die Geschicke der Republik lenkten, graben derzeit die Wissenschaftler auf einer freien Fläche von der Größe zweier Fußballfelder die Reste einer verfallenen Römersiedlung aus. Bei dem Großauftrag wird belegt: Die bedeutenden Gebäude der Bonner Republik wurden direkt auf römischer Geschichte errichtet. Aus der Erde gebuddelt wurden bereits zigtausende Zeugnisse aus dem knapp 2000 Jahre alten Dorf.

Der rund 800 Meter lange Vicus, wie Archäologen eine solche zivile römische Ansiedlung nennen, lag an der heutigen Bundesstraße 9, die schon damals die Hauptverkehrsstraße zwischen Koblenz und Köln war, und reichte im Regierungsviertel bis zum Rheinufer. Die Ansiedlung liegt auf der Höhe von Adenauerallee und Willy-Brandt-Allee.

„Es war eine Art Straßendorf mit planmäßig angelegten Parzellen und schätzungsweise rund 2000 Bewohnern“, erklärt die Archäologin Nora Andrikopoulou-Strack vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Abgesehen von den Grabungen beim Kölner U-Bahn-Projekt sei es die aktuell „größte zusammenhängende Grabung in einer solchen römischen Siedlung in Deutschland“.

Glückliche Umstände einer geplanten Neubebauung ermöglichten die großflächigen Grabungen unter LVR-Trägerschaft auf einem frei geräumten Gelände von rund 30 000 Quadratmetern. Die Villa Dahm (früher Sitz der Parlamentarischen Gesellschaft), Abgeordneten- Appartements und das frühere WDR-Haus wurden abgerissen. Die Kehrseite für die Archäologen: Es ist eine Notgrabung, bei der vor Ort nichts erhalten werden kann.

Auf dem Areal geht es emsig zu. Bagger tragen Erdreich bis in vier Meter Tiefe ab, Lastwagen sind im Einsatz, Experten sind mit Spaten am Werk oder vermessen in Gruben akribisch Fundstellen. Grabungsleiter Cornelius Ulbert weist auf verfärbte Erde: „Dort, gleich hinter den Häusern, waren große Abfallgruben. Auch Pferde - die Römer aßen kein Pferdefleisch - wurden hier entsorgt. Wir haben vier komplette Pferde-Skelette gefunden. Das muss alles fürchterlich gestunken haben.“ Angehörige seien in unmittelbarer Nähe ihrer Häuser bestattet worden. Andere Funde weisen darauf hin, dass viele Bewohner Handwerker wie Töpfer und Schmiede oder Gewerbetreibende waren. Die Versorgung wurde von umliegenden Bauernhöfen übernommen.

„Jede Scherbe bekommt ihre Nummer, sei sie auch noch so klein“, sagt Ulbert. „Wir haben 300 Kisten, und die sind bald voll.“ Neben dem Bad, dessen Fundamente später kurzerhand für ein anderes Gebäude genutzt wurden, entdeckten die Archäologen auch Reste eines kleinen Tempels und eines Ziegelofens, daneben viele Überbleibsel von so genannten Streifenhäusern (Holzfachwerk) - ähnlich heutigen Reihenhäusern. Sie grenzten an Straßen an, waren etwa zehn Meter breit und hatten nach hinten gestreckte Gärten von etwa 30 bis 40 Meter Länge. Küchen- und Essgeschirr, Becher und Weinkrüge aus Ton, Steinwerkzeuge oder auch eine Haarnadel aus Knochen geben Einblick ins Alltagsleben der Römer. Eine Relief-Schüssel zeigt eine drastische erotische Szene mit vier Beteiligten.

Die rund 50 Mitarbeiter von Ulbert, die im LVR-Auftrag seit Anfang Mai hier tätig sind, müssen sich sputen: Es warten noch viele Entdeckungen, und die Archäologen haben laut Vertrag nur noch bis Ende Oktober Zeit. Dann kommen die Bagger des koreanischen Investors SMI Hyundai, der die Ausgrabungen mit rund 1,6 Mill. Euro finanziert. Sie werden für den Aushub eines neuen Kongresszentrums und Hotels auch die Reste des Vicus platt machen - unwiederbringlich.

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