Wissenschaft
Bindegewebszellen zu Stammzellen rückprogrammierbar

Zellen aus dem Bindegewebe lassen sich mit einem genetischen Trick so umprogrammieren, dass sie embryonalen Stammzellen gleichen. Mit der Methode könnte künftig die Nutzung von embryonalen Stammzellen bei Therapien vermieden werden.

dpa LONDON/WASHINGTON. Zellen aus dem Bindegewebe lassen sich mit einem genetischen Trick so umprogrammieren, dass sie embryonalen Stammzellen gleichen. Mit der Methode könnte künftig die Nutzung von embryonalen Stammzellen bei Therapien vermieden werden.

Das berichten japanische und US-Forscher in zwei Artikeln des britischen Fachjournals „Nature“ (Online-Ausgabe) und einem im Magazin „Cell Stem Cell“ (Bd. 1, S. 55).

Mitautor Rudolf Jaenisch vom Whitehead Institute for Biomedical Research & MIT in Cambridge (US-Staat Massachusetts) erklärte in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Freitag), es habe ihn selbst sehr erstaunt, dass er und sein Team normale Körperzellen ohne den Umweg über eine Eizelle in embryonale Stammzellen zurückverwandeln konnten. „Wir bekommen mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit reprogrammierte Zellen.“ Er sorge sich nun aber, dass die Ergebnisse „politisch missbraucht“ würden, um die laufende Forschung zu diskreditieren. „Das wäre fatal“, warnte er.

Ohnehin müsse nun erst gezeigt werden, ob die Methode auch bei menschlichen Zellen funktioniere. Bis die Übertragung in die klinische Praxis anstehe, werde noch viel Zeit vergehen. „Wir haben mit Zellen gearbeitet, die hochgradig genetisch verändert waren. Niemand würde auf die Idee kommen, Zuchtgewebe aus solchen Zellen einem Menschen einzuspritzen.“

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) begrüßte in der „FAZ“ die „hochinteressante Entwicklung“ und kündigte an, dass die Bundesregierung noch vor der Sommerpause fünf Mill. Euro für ähnliche Forschungsarbeiten in Deutschland zur Verfügung stellen werde.

Die Forscher hatten bei Mäusen die so genannten Fibroblasten im Bindegewebe umprogrammiert. Dazu brachten sie vier zusätzliche Gene in die erwachsenen Zellen ein, die eine „Verjüngung“ der zellulären Strukturen auslösen. Anschließend suchten sie diejenigen Zellen heraus, die bestimmte Merkmale für Pluripotenz aufwiesen. Darunter verstehen Forscher die Fähigkeit von Zellen, sich in vielen verschiedenen Zelltypen entwickeln zu können - beispielsweise zu einer Nieren- oder einer Nervenzelle.

Die so gewonnenen Zellen wiesen eine gleichartige genetische Aktivität wie embryonale Stammzellen auf, schreiben die Forscher. Auch andere typische Merkmale hätten übereingestimmt. Die Gruppe um Yamanaka hatte bereits im vergangenen Jahr derartige Zellen aus erwachsenen Fibroblasten hergestellt, bei ihnen waren die Ähnlichkeiten zu embryonalen Stammzellen allerdings weniger stark. Den Forschern gelang es den Berichten zufolge anschließend auch, die „verjüngten“ Zellen in Mäusen heranwachsen zu lassen. Die „künstlichen Stammzellen“ reiften dabei nachweislich zu verschiedenen Zelltypen heran.

Bewähre sich die Methode in weiteren Versuchen, sei dies eine Alternative zu der ethisch umstrittenen Nutzung embryonaler Stammzellen für die Therapie von Krankheiten, schreiben Konrad Hochedlinger vom Harvard Stem Cell Institute (Massachusetts) und Kathrin Plath von der Ucla School of Medicine in Los Angeles (Kalifornien), Mitautoren der US-Studie in „Cell Stem Cell“. Es würde ein kleines Hautstück des jeweiligen Patienten genügen, um diesen gezielt behandeln zu können. Mediziner hoffen, künftig Leiden wie Querschnittlähmungen oder Parkinson mit Hilfe von Stammzellen heilen zu können.

Fibroblasten spielen im Bindegewebe eine wichtige Rolle bei der Produktion des zwischen den Zellen liegenden Stützmaterials. Sie stellen beispielsweise Collagen her. Die Gewinnung embryonaler Stammzellen ist in Deutschland verboten, weil dafür Embryonen zerstört werden müssten. Bundesforschungsministerin Schavan kündigte an, die Regierungsfraktionen von SPD und Union würden sich nach der Sommerpause mit möglichen Lockerungen des deutschen Stammzellgesetzes befassen.

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