Wissenschaft
Medizin-Nobelpreis für die „Knock-Out-Maus“

Der Medizin-Nobelpreis geht in diesem Jahr an Genetiker, die durch ihre revolutionäre Technik Versuchsmäuse mit menschlichen Krankheiten geschaffen haben. Die Preisträger schalteten gezielt Mäusegene aus, um Modelltiere für menschliche Leiden wie Bluthochdruck oder Diabetes zu erzeugen.

dpa STOCKHOLM. Der Medizin-Nobelpreis geht in diesem Jahr an Genetiker, die durch ihre revolutionäre Technik Versuchsmäuse mit menschlichen Krankheiten geschaffen haben. Die Preisträger schalteten gezielt Mäusegene aus, um Modelltiere für menschliche Leiden wie Bluthochdruck oder Diabetes zu erzeugen.

Die US-Amerikaner Mario R. Capecchi (70) und Oliver Smithies (82) sowie der Brite Martin J. Evans (66) haben damit eine Methode entwickelt, die von der Grundlagenforschung bis zur Entwicklung neuer Therapien genutzt wird, wie das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mitteilte. Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist in diesem Jahr mit umgerechnet insgesamt 1,1 Mill. Euro (10 Mill. Schwedischen Kronen) dotiert.

„Dies sind wahrhaft fantastische Entdeckungen von riesiger Bedeutung für die Menschheit“, betonte das Mitglied des Nobelkomitees, Christer Betsholtz. Dank der Arbeit der drei Forscher lässt sich gezielt untersuchen, welche Funktion das jeweils ausgeschaltete Gen hat. Inzwischen gibt es viele Tausend solcher „Knock-Out-Mäuse“. Allein 500 dieser Mäusestämme haben menschliche Krankheiten wie etwa die Blutkrankheit Thalassämie oder das Atemleiden Mukoviszidose. Zu Fragen des Tierschutzes sagte Komiteemitglied Björn Vennström: „Die ganzen Tierversuche, die damit gemacht wurden, müssen am Nutzen für die Menschheit gemessen werden.“

„Wir verstehen Mechanismen hinter vielen Krankheiten viel besser. Dies ist ohne Zweifel einer der am meisten verdienten Preise“, betonte die Präsidentin der Nobelversammlung, Erna Möller. „Sie (die Forscher) waren alle vollkommen überzeugt, hatten einen enormen Antrieb und haben daher sehr gute Ideen mit Beharrlichkeit kombiniert.“ Nils Brose, Direktor des Max-Planck-Instituts für Experimentelle Medizin in Göttingen ist sicher: „Die Technik hat die Forschung revolutioniert.“

Capecchi (Universität von Utah in Salt Lake City) und Smithies (Universität von North Carolina in Chapel Hill) hatten gezeigt, wie gesunde Gene verändert werden, indem man defekte Genschnipsel in die Zelle bringt. Das gelang aber nur an einzelnen Zellen im Labor. Evans von der britischen Universität Cardiff fand heraus, wie sich mit Hilfe embryonaler Stammzellen veränderte Gene in Mäuse schleusen lassen. Die Kombination dieser Methoden schuf genveränderte Mäuse, die zum Beispiel bestimmte Erbkrankheiten des Menschen bekommen.

Capecchi wurde in Italien geboren und musste sich im Zweiten Weltkrieg als Straßenkind durchschlagen, weil seine Mutter ins Konzentrationslager Dachau gebracht worden war. Später wanderte die Mutter mit ihm in die USA aus, wo er seine Karriere an der Eliteuniversität Havard begann. Der Anruf des Nobelkomitees aus Stockholm riss Capecchi in der Nacht zum Montag kurz nach drei Uhr Ortszeit „aus tiefem Schlaf“. Für ihn ist der Preis jedoch eher Nebensache: „Die eigentliche Belohnung ist die Arbeit selbst und das, was wir mit ihr erreichen.“ Ansonsten hält er sich mit Sport fit: „Ich jogge und trainiere jeden Tag.“

Sportflieger Smithies hat nach eigenen Angaben mit der Auszeichnung gerechnet. Trotz seiner 82 Jahre arbeitet er noch täglich im Labor. „Ich habe meine Arbeit mehr als 50 Jahre genossen. Jeden Tag wieder.“ Das sei eigentlich Erfüllung genug. Sein britischer Kollege Evans ist einer der Architekten der Stammzellforschung. 2004 schlug Elizabeth II. den Forscher zum Ritter.

„Der Nobelpreis ist die Belohnung für eine Lebensleistung, die alle drei mehr als verdient haben“, urteilte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss. Mit der Technik sei es erstmals möglich gewesen, „zielgerichtet im Genom eines Säugers ganz spezifisch Gene auszuschalten“.

„Das hat einen Erdrutsch in der medizinischen Forschung verursacht“, sagte Klaus Rajewsky, der derzeit an der amerikanischen Harvard Universität forscht. „Die biomedizinische Forschung in Säugetieren wäre wirklich in großen Teilen nicht da, wo sie heute ist.“ Er selbst baute auf den Arbeiten der diesjährigen Nobelpreisträger auf. Rajewsky entwickelte eine Technik, mit der die Gene nicht im gesamten Körper, sondern nur in einzelnen Organen stumm geschaltet werden können - damit lassen sich Krankheiten wie Krebs nachbilden, bei denen ein Gen nicht von Geburt an, sondern erst später verändert ist.

Am Dienstag werden die Träger des Physik- und am Mittwoch die des Chemie-Nobelpreises benannt. Am Donnerstag folgt die Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreisträgers und am Freitag die des Friedensnobelpreises. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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