Zeitmessung
Vom Aufstieg und Niedergang der Uhr

Erst die Erfindung der Zeitmessung ermöglichte den Kapitalismus wie wir ihn heute kennen. Doch mittlerweile hat die Uhrzeit den Zenit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung überschritten. Um weiterhin Effizienzsteigerungen und Wirtschaftswachstum zu erzeugen, sind wir gezwungen, Zeit zu verdichten. Laut Zeitforscher Karlheinz Geißler entstehen hierdurch jedoch enorme Probleme.
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DÜSSELDORF. Wer um 1870 mit dem Dampfer an den Ufern des Bodensees entlangfuhr und an den Ablegestellen das nächste Schiff nicht verpassen wollte, musste sechsmal die Uhr umstellen. Denn Baden, Württemberg, Bayern, Österreich und die Schweiz waren jeweils eigene Zeitzonen, die um einige Minuten voneinander abwichen. Hundert Jahre zuvor hätte niemand begriffen, was Abfahrtszeiten sind. Man wartete eben, bis der Fährmann kam.

Die Geschichte der Modernisierung ist auch eine Geschichte der zunehmenden Vereinheitlichung der Uhrzeit. Bis zum 19. Jahrhundert hatte jeder größere Ort seine eigene Uhrzeit, die sich nach der Sonne richtete: Wenn sie ihren höchsten Stand erreichte, war es 12 Uhr mittags. Seit etwa 1840 führten die Staaten einheitliche Zeitzonen ein. Der Antrieb, die Zonen weltweit zu vereinheitlichen und zu systematisieren, kam vor allem von den Bahngesellschaften. Das heutige globale System mit seinen 24-Stunden-Zonen setzte sich seit der Internationalen Meridian-Konferenz 1884 durch, als der Meridian von Greenwich als Basis des internationalen Koordinatensystems eingeführt wurde. Die „mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich“, auch Mitteleuropäische Zeit genannt, ist seit dem 1. April 1893 Deutschlands gesetzliche Uhrzeit.

Dass das Leben der Europäer mit der Erfindung immer genauerer und immer handlicherer Uhren in zunehmendem Maße uhrzeitlich geregelt wurde, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen der Moderne und des kapitalistischen Wirtschaftens. Ohne die Reglementierung der Arbeitszeiten kann es Fabriken mit dem organisierten Zusammenarbeiten von Menschen und Maschinen nicht geben. Uhren spornen dazu an, Zeit zu sparen und durch Effizienzsteigerungen Wachstum zu generieren. „Zeit ist Geld“, das gilt erst, seit es Uhren gibt.

Der amerikanische Wirtschaftshistoriker David Landes („Wohlstand und Armut der Nationen“) sieht in der Erfindung der Uhr daher einen entscheidenden Grund für die Überlegenheit der Europäer gegenüber anderen Kulturen seit dem 16. Jahrhundert. An jedem Kirchturm und damit in jedem Dorf war im frühneuzeitlichen Europa eine Uhr sichtbar. An Moscheen gab es keine Uhren, und die Sultane in Istanbul sahen die wenigen aus Europa importierten Stücke nur als Spielzeug an.

Dass gerade die calvinistisch geprägte Schweiz die Heimat der genauesten Uhren ist, sei kein Zufall, schreibt Landes in seinem Werk „Revolution in Time“. Das strenge Leben nach der Uhr gehört Landes zufolge zum protestantischen Arbeitsethos.

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