Essen, Fernsehen, Telefon und mehr
Der Mensch wird „Multitasking“-fähig

Der Begriff Multitasking aus der Computerwelt besagt, dass mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden. Doch das können nicht nur Rechenmaschinen.

HB HAMBURG. Antonia lagert auf dem Sofa, isst Mozzarella mit Tomaten, schaut im Fernsehen eine Quiz-Show und hat das mobile Telefon neben sich griffbereit. Garantiert klingelt es gleich. Die 32-Jährige ist eine typische Vertreterin der modernen Simultan-Gesellschaft.

„Unsere Gesellschaft wird immer schneller“, stellt das Hamburger Trendbüro fest. „Überall wird versucht, Zeit herauszuholen. Man schläft kürzer, man isst schneller. Selbst das Duschen wird beschleunigt.“ Die Generation der so genannten Netzwerkkinder (ab 1980 geboren) sei es bereits gewohnt, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

„Die Simultanten sind unter uns“, berichtet das Zukunftsinstitut (Kelkheim/Hessen). „Wer Zeit sparen will, trinkt den Kaffee auf dem Weg zur U-Bahn, verfolgt die Nachrichten auf dem Ergometer im Fitness-Studio und telefoniert beim Fernsehen.“ Klassiker unter den Parallel-Medien ist Umfragen zufolge das Fernsehen. Jeweils 24 % der Deutschen essen oder unterhalten sich vor dem TV-Gerät, 8 % schlafen sogar.

USA und Japan Vorreiter

Vorreiter in Sachen schneller leben sind die USA und Japan. Für mobile Esser gibt es dort den portablen Yoghurt „Go-Gurt“, Gemüse aus der Tube und Wasser in Gel-Form, wie das Zukunftsinstitut berichtet. Doch auch hier zu Lande ändern sich die Sitten: Ein Viertel der Deutschen frühstückt laut jüngsten Forschungen nicht mehr zu Hause. Schon prangen Kaffeehalter am Armaturenbrett im Mittelklassewagen.

Doch der parallele Lebensstil ist umstritten, vor allem in der Arbeitswelt. „Multitasking macht krank“, warnen amerikanische Forscher und verweisen auf „Pseudo-ADS“ - ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Die Krankheit führe zu verkürzten Aufmerksamkeitsspannen, die von einer technologisch geförderten, permanenten Informations-Überdosis herrührten. Angeblich drohen sogar Probleme mit dem Kurzzeit-Gedächtnis.

Carol Kallendorf, US-Wissenschaftlerin und Expertin für Personalmanagement, hat deutliche Unterschiede bei nach außen gekehrten und nach innen gewandten Menschen festgestellt. Extrovertierte Menschen gäben sich häufig als „Multitasking“-Fans zu erkennen, schreibt Kallendorf. „Der äußere Anstoß durch Menschen und Ereignisse bringt sie auf Hochtouren.“ Introvertierte klagten dagegen, dass „Multitasking“ eine Last sei. Sie könnten sich nicht mehr auf eine Aufgabe konzentrieren. Alle Energien würden aufgezehrt.

Frauen wird mehr zugetraut

Längst hat auch die Werbung den „Simultanten“ entdeckt. Ein Fernsehspot für eine Telefonauskunft zeigt eine junge Mutter, die telefoniert und gleichzeitig ihren Sprössling überwachen müsste. Doch für einen Augenblick bleibt er unbeaufsichtigt - und stößt eine Riesenvase übers Geländer. Die Botschaft lautet: Hören Sie sich keine nervige Bandansage an, wir geben die Nummer persönlich durch.

Einer repräsentativen Umfrage zufolge trauen die Deutschen eher den Frauen zu, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, als Männern. 66 % der Männer erledigen nach eigenem Bekunden immer nur eine Sache. Dagegen gab etwa die Hälfte der Frauen an, sich mit mehreren Sachen gleichzeitig zu beschäftigen.

Allerdings: Es gibt auch die Gegenbewegung. „Diejenigen, die beschleunigen, sind auch diejenigen, die entschleunigen“, sagt Andreas Steinle vom Hamburger Trendbüro. „Mehr Stress wird durch mehr Wellness kompensiert. Wellness ist der Versuch, sich Zeit zurückzukaufen."

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