Messe-Partnerland
„Make in India“ statt „Made in China“

Indien will China als Werkbank der Welt ablösen. Auf seiner Werbetour um die Welt schaut Premier Modi bei der Hannover Messe vorbei. Im Gepäck sein Reformprogramm für die Infrastruktur „Smart Cities“: Es soll Investoren ins Land locken.
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Zwei Jungen rennen in ausgetretenen Sandalen durch enge, ungepflasterte Gassen vorbei an fensterlosen Hütten, Müllgruben und offenen Abwasserkanälen. Als die Kamera in die Vogelperspektive schwenkt, verschwinden die kleinen Gestalten in dem scheinbaren Labyrinth. Die Kamera zoomt weiter raus und offenbart die Ausmaße des Armenviertels mitten im indischen Mumbai. Die Szene aus dem mehrfach ausgezeichneten Kinofilm „Slumdog Millionaire“ fasst eines von Indiens größten Problemen in Bilder: Ein Drittel der Bevölkerung lebt in bitterer Armut, das sind mehr Menschen in Armut als in ganz Afrika.

Oft in direkter Nachbarschaft zu den Armenvierteln Indiens erheben sich Türme aus Glas und Stahl, die Heimstatt für zahlreiche Konzerne, die mit Softwareentwicklung und Informationstechnologie ihr Geld verdienen. Zehntausende Ingenieure und Techniker sind in den riesigen Firmensitzen beschäftigt. Die Campus müssen den Vergleich mit der Konkurrenz im kalifornischen Silicon Valley kaum scheuen.

Diese Pole der indischen Gesellschaft wie sie am Rande der Ballungszentren kontrastieren, gehören zu den drängendsten Problemen des Landes und dürften sich in den kommenden Jahren noch zuspitzen, denn Indiens Metropolen wachsen rasant: Prognosen zufolge wird im Jahr 2030 beinahe die Hälfte der indischen Bevölkerung in urbanen Ballungsgebieten leben; heute ist es etwa ein Drittel. Die städtische Agglomeration Neu Delhi mit ihrem hohen Wachstum dürfte Tokio dann überholt haben. Die neue Regierung unter Premierminister Narendra Modi hat diese besondere Herausforderung an die Stadtplanung ebenfalls erkannt und will mit dem ehrgeizigen Projekt „100 smart cities“ verstärkt in die Infrastruktur des Landes investieren.

Das Programm bringt Indien als sozusagen Gastgeschenk auch mit nach Hannover: Die Nation will sich als diesjähriges Gastland der weltgrößten Industrieschau Hannover Messe als zuverlässiger Partner für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Westen präsentieren. „Wir möchten zeigen, dass unsere Regierung die Fähigkeit besitzt, ein positives Wachstumsklima zu schaffen“, sagte der indische Botschafter Vijay Gokhale am Mittwoch bei einer Vorschau auf den Branchentreff in Hannover. „Make in India“ – als Kampfansage zum gängigen „Made in China“ – stellt Indien als Motto der Messe-Partnerschaft voran. Mit den „Smart Cities“ etwa sollen für ausländische Unternehmer die Produktionskosten im Land sinken, zählte Gokhale einen von mehreren Anreizen für Investoren aus dem Ausland auf.

Details zu diesem ambitionierten Stadtentwicklungsprojekt sind noch kaum bekannt, aber die Hoffnungen in die neue Regierung sind groß. Auch Bernhard Müller, Direktor des Dresdner Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung, sieht in nachhaltiger Stadtplanung eine neue Zukunftsperspektive für die überfüllten Metropolen Indiens – und hat mit einem deutsch-indischen Wissenschaftlerteam die Möglichkeiten der Vision Industrie 4.0 in dem Kontext untersucht. Müller leitete das acatech-Projekt „Advanced Manufacturing und Stadtentwicklung“ in Kooperation mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Indian National Academy of Engineering (INAE), das Stärken und mögliche Grenzen von Advanced Manufacturing unter anderem im Hinblick auf Umweltverbesserungen und Armutsbekämpfungen identifizierte.

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