Interview
Individuelle Lösungen gefragt

Heinz Paul Bonn vom Branchenverband Bitkom lobt im Gespräch mit dem Handelsblatt die Spezialisierung der Branche. Hier das Interview mit dem IT-Experten im Wortlaut:

Herr Bonn, der Software- und Informationstechnikmarkt soll bis 2010 um jährlich drei Prozent wachsen. Wie profitieren kleine und mittelständische Anbieter davon?

Wie in vielen anderen Wirtschaftssektoren auch fungieren kleine und mittlere Unternehmen der Software-Industrie als Veredler von Basistechnologien, die durch die Aktivitäten des Mittelstands überhaupt erst markttauglich werden. Praktisch alle großen Hardwarehersteller und die Anbieter von Systemsoftware benutzen kleine und mittlere Lösungshäuser als effizienten Vertriebskanal, in dem erst der eigentliche Kundennutzen geschaffen wird. Der Bereich Beratung und Dienstleistung wird in ganz wesentlichem Maße von mittelständischen Unternehmen geprägt. Sie spezialisieren sich auf einzelne Branchen, kennen deren Bedarfe und Strukturen und liefern individuelle Lösungen. Der Mittelstand ist auch bei Multimedia und dem sogenannten Web 2.0 ganz vorne mit dabei. Hier schlagen die schnellen Kleinen häufig die Großen.

Die Technologie-Investitionen steigen weltweit. Doch Deutschland liegt hier unter dem EU-Durchschnitt. Wie treten Sie dem entgegen?

Ich halte diesen internationalen Vergleich für irreführend. Ich bin der Meinung, dass Deutschland sehr gut im Verwerten von High Tech ist. Und der beste Beweis dafür ist die Tatsache, dass deutsche Produkte weltweit so gefragt sind, dass Deutschland zum wiederholten Male Exportweltmeister ist. Der Bitkom hat eine Studie in Auftrag gegeben, um Bereiche der Informations- und Telekommunikationstechnik zu identifizieren, in denen wir eine weltweite Vorreiterstellung reklamieren können. Und diese Studie zeigt ein erstaunliches Potenzial zum Beispiel bei der Erfassung und Speicherung von Daten, Automation und Nanotechnologie. Auf dem nächsten IT-Gipfel werden Politik und Wirtschaft weiter diskutieren, wie wir die Stärken in Deutschland noch besser auf die Straße bringen können. Dazu gehören Maßnahmen der schulischen, universitären und betrieblichen Ausbildung ebenso wie Fördermaßnahmen im EU-Konsens für Spitzenforschung.

Das Angebot an Softwarelösungen ist riesig. Verwirren die Anbieter damit nicht die Kunden?

Die Größe des Softwareangebots ist Ausdruck der lebendigen mittelständischen Software-Industrie in Deutschland. In der Tat gibt es nicht allein die Lösungen der großen Leitarchitekturen, sondern viele hochspezialisierte, branchenorientierte Anwendungen. Das Internet bietet heute nach meiner Beobachtung bereits eine exzellente Plattform, um eine Vorauswahl der in Frage kommenden Anbieter zu erreichen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Studien, in denen die Funktionen von vergleichbaren Softwareprodukten verglichen werden.

Auch die Vielfalt der Themen steigt, zum Beispiel in der IT-Sicherheit. Wie behalten Unternehmer den Überblick und entscheiden, was wirklich notwendig ist?

Die Welt der Mittelständler ist sehr komplex geworden. Softwareanbieter müssen die Belange ihrer Branche kennen, Unternehmer beraten und mit eindeutigen Nutzerargumenten überzeugen können, denn der potenzielle Käufer weiß sehr genau, ob und wo ihn der Schuh drückt. Sicherheit ist allerdings ein Thema, dessen Dringlichkeit weiter zunimmt. Das spürt jeder Unternehmer und jede Privatperson beim täglichen Umgang mit dem Internet und Emails.

In der Softwarebranche spricht man von einer zukünftigen vernetzten Wertschöpfung. Was verbirgt sich dahinter?

In arbeitsteiligen Wertschöpfungsketten muss man den Herstellungsprozess steuern. Heute optimieren IT-Technologien nicht nur diese Produktionsprozesse, sondern auch den Informationsfluss in und zwischen den Unternehmen. Man spricht dabei auch gerne von Informationslogistik. Dabei weist der aktuelle Trend dahin, dass mehrere Unternehmen einzelne Softwarefunktionen nicht nur für sich alleine einsetzen, sondern auch ihren Partnern anbieten und mit diesen im Verbund nutzen So wandeln sich in einem Wertschöpfungsnetz Funktionen zu Dienstleistungen, die über das Internet aufgerufen werden. Vorteil für kleinere Unternehmen: Sie können durch diese preiswerte und schnelle Informationslogistik auch an größeren Prozessen teilnehmen.

Was sind die Voraussetzungen für kleine und mittlere Softwareunternehmen, um sich zukünftig erfolgreich am Markt zu positionieren?

Es mangelt Softwarexperten derzeit noch an Gründermentalität und ausreichender kaufmännischer, betriebswirtschaftlicher Qualifikation. Die Gründungskosten sind so gering wie noch nie. Über das Internet haben die zukünftigen Unternehmer auch schon ein Marketing- und Vertriebskanal zur Hand. Wir müssen auch einen Mentalitätswechsel herbeiführen, zu einem positiven Unternehmerbild kommen anstatt die vorhandene Neidkultur zu schüren. Sollte eine Gründung scheitern, könnte die Kultur der zweiten Chance zu weiteren Erfolgen führen.

Die Fragen stellte Barbara Hartmann.

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