Kommunikation übers Smartphone
Das Deppen-Leerzeichen greift um sich

„Sechs Korn Müsli“, „Würfel Zucker“, „Behinderten WC“ – häufig werden zusammengesetzte Wörter durch Leerzeichen getrennt. Das ändert ihre Bedeutung. Experten sehen einen der Gründe in der Smartphone-Kommunikation.
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BerlinSelten wurde über ein Satzzeichen so leidenschaftlich diskutiert wie zuletzt über den Bindestrich. Auslöser waren Wahlbenachrichtigungen in leichter Sprache, die vor der Landtagswahl am Sonntag (7. Mai) in Schleswig-Holstein verschickt wurden. Von „Land-Tag“ und „Haus-Nummer“ war da die Rede, von „Vor-Name“ und „Post-Leit-Zahl“. Lauter Bindestriche in Wörtern, die eigentlich zusammengeschrieben werden. Das war für viele Kommentatoren zu viel, die Aufregung groß. Dabei fristet der Bindestrich seit Jahren ein kümmerliches Schattendasein. Das Deppenleerzeichen greift um sich.

Das was? Der Begriff Deppenleerzeichen bezeichnet Leerzeichen in Komposita, also zusammengesetzten Wörtern. Diese falsch gesetzten Leerstellen sind überall: an Gebäuden, auf Verpackungen, in der Werbung. Vom „Bauern Frühstück“ ist die Rede und von „Würfel Zucker“. Ein Film wirbt mit dem Untertitel „Die Party Bullen“, der Japaner ums Eck heißt „Sushi Bar“. Liebhaber korrekter Rechtschreibung müssen - nun ja - Abstriche machen.

Das Phänomen ist alt, hat aber an Fahrt gewonnen. „Mein Eindruck ist tatsächlich: Es wird mehr“, sagt einer, der ein Bewusstsein für Sprache schaffen möchte. Titus Gast ist Journalist und Betreiber des Blogs deppenleerzeichen.de - einer „humoristischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Leerzeichen in Komposita“. Für ihn geht es um mehr als nur Pedanterie. Bedenklich sei, wenn durch ein falsches Leerzeichen die Verständlichkeit eingeschränkt werde. Beispiel „Zugang zum Behinderten WC“: „Da steht dann, dass das WC behindert ist. Es führt einfach auf eine falsche Fährte“, sagt Gast.

Bestsellerautor und Sprachkritiker Bastian Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) könnte etliche dieser Beispiele nennen. Er hat schon vor mehr als zehn Jahren „ein Traktat über depperte Leer Zeichen und unerträgliche Wort Spalterei“ geschrieben. Heute sagt er: „Das Deutsche zeichnet sich durch die wunderbare Möglichkeit der Wortzusammensetzung aus. Keine andere Sprache kann so viele Bandwurmwörter erzeugen.“

Aber wo wird der Bindestrich denn nun eigentlich gesetzt? „In den allermeisten Fällen wird er genutzt, um die Struktur klarer erkennbar zu machen“, sagt Kristin Kopf. Kopf ist Linguistin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Oder, wie die Hochschule selbst schreibt: an der Johannes Gutenberg-Universität. „Namen werden oft anders behandelt als andere Wörter“, sagt Kopf.

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„Wir orientieren uns am Englischen“

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  • G. Nampf - 05.05.2017, 09:03 Uhr

    Die rot-grünen habens nicht so mit der Bildung.
    Je weniger, desto besser. Sind doch einige von ihnen selbst nur im Reden gut, sonst aber alles im Prinzip verbockt und so lange in der Parteizentrale rumgesessen, bis es mal weiterging.

    Eine Rechtschreibung, bei der am Ende keiner mehr weiß, wie es denn nun richtig ist, ist deren Form von Integration in umgekehrter Richtung. Das reicht von Schreiben wie man es spricht in Grundschulen (ein Albtraum für alle weiterführednen Schulen) bis hin zu immer weiter gesenkten Anforderungen an Schüler, Abschaffung von Noten, keine Vermittlung mehr von Wissen, sondern von Kompetenzen, davon aber bitte nicht zu viel, die Schüler könnten ja gestresst sein.

    Vorsicht, Verschwörungstheorie:
    So führt man ein gebildetes Land in den wohl verdienten Untergang, bereit von den Massen aus Afrika und dem Nahen Osten übernommen zu werden und um dann die Kultur komplett zu wechseln.
    Den linken Block dürfte es freuen, Chaos ist die Zukunft, allerdings gibts dann auch kein Geld mehr für die linken Pöbler, die zwar gegen den Staat sind, aber sonst gut vom Sozialsystem leben können.

  • Früher, als es noch eine Rechtschreibung gab und ich zur Schule ging, gab es für Wortzusammensetzungen mit Eigennamen, also zum Beispiel Straßennamen, eine vernünftige Regel: In den Eigennamen gehört nur dann ein Bindestrich, wenn dieser im Eigennamen tatsächlich vorkommt. Also
    Robert Koch-Straße,
    Dr. Heinrich Gottlieb Fichte-Straße,
    Karl-Friedrich Schulze-Müller-Straße.
    Kennt diese Schreibweise keiner mehr, oder haben sie die Kultusminister neben vielem anderen einfach nicht kapiert und deshalb geschrottet?

  • Es könnte auch daran liegen, daß im Englischen solche zusammengesetzten Worte als Fehler markiert werden und das auf die deutschen übertragen wird.

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