Pilotprojekt startet im Jaunar
Computer setzt Schnipsel aus Stasi-Akten zusammen

16 000 Säcke voller Schnipsel lagern in Berlin – gefüllt mit geschredderten Überresten geheimer Stasi-Akten, die in den letzten Tagen der DDR vernichtet wurden. 400 Jahre würde es dauern, die Schnipsel per Hand wieder zusammen zu fügen. Doch bald bekommen die menschliche Rekonstrukteure Unterstützung.

KÖLN. Die Sisyphos-Arbeit ist bald nicht mehr nötig. Ein so genannter elektronischer Puzzler – eine Entwicklung des Fraunhofer IPK – soll in den kommenden Jahren die Schnipsel aus 400 Säcken automatisch zusammensetzen. „Mit unserem Verfahren lässt sich der Aufwand auf fünf bis sechs Jahre verkürzen“, hofft Bertram Nickolay vom Fraunhofer IPK.

Das Pilotprojekt startet im Januar. Der Bundestag hat für das „Stasi-Schnipsel“-Projekt insgesamt sechs Millionen Euro in den Haushalten für 2007 und 2008 bereitgestellt. Bereits vor drei Jahren hatte das IPK gemeinsam mit Lufthansa Systems den Auftrag erhalten, ein System zur automatischen Rekonstruktion der zerstückelten Stasi-Akten zu entwickeln. Erst vor kurzem wurde es fertig. „Es ist eben kein Verfahren von der Stange“, sagt Nickolay.

Der elektronische Puzzler vergleicht die Form, Farbe, Struktur und Schrift einzelner Schnipsel, nachdem das Gerät sie eingescannt hat. „Anhand dieser Merkmale lässt sich die Zahl möglicher Rekonstruktionspartner einschränken“, erklärt Fraunhofer-Experte Nickolay. Jedem Puzzleteil ordnet das System den richtigen Nachbarn zu, bis eine vollständige virtuelle Seite entsteht.

Endgültig freigeben muss jede Seite ein Mitarbeiter der Behörde. „Schließlich kann auch eine auf den ersten Blick unvollständige Seite ausreichend lesbar sein, wenn zum Beispiel nur eine unbeschriftete Ecke des Papiers fehlt“, erklärt Nickolay.

In der Pilotphase soll zunächst nur ein elektronischer Puzzler zum Einsatz kommen – bestehend aus einem Hochleistungsscanner und einem digitalen Verarbeitungssystem mit einer Reihe von Rechnern. Während der ersten zwei Jahre will das IPK letzte Fehler ausmerzen und die Verarbeitungsgeschwindigkeit erhöhen.

Die zusammengesetzten Akten sind nach Angaben der Birthler-Behörde für die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit von großer Bedeutung. Die bereits per Hand zusammengelegten Seiten deuten auf einen brisanten Inhalt hin: „Schon die kleine Stichprobe hat gezeigt, dass es sich in der Regel um wichtige Vorgänge handelt“, sagt Günter Bormann aus dem Leitungsbüro der Behörde.

Viele Informationen seien bisher nicht im Archiv zu finden, auch nicht als Kopie oder Sicherheitsverfilmung. Allein in der zweijährigen Pilotphase soll der elektronische Puzzler mehr Schnipsel bearbeiten, als es Mitarbeiter seit der deutschen Einheit per Hand geschafft haben. Die Technologie sei schneller und effizienter als die manuelle Technik, lobt Bormann.

Die Praxisphase beginnt das IPK nicht wie ursprünglich geplant mit Lufthansa Systems, sondern mit Arvato. Die Bertelsmann-Tochter trat im vergangenen Herbst an die Stelle von Lufthansa Systems und übernimmt das Einlesen der Papierschnipsel. Nach Ablauf der Pilotphase wird der Bundestag entscheiden, ob tatsächlich der Inhalt aller 16 000 Säcke mit Hilfe des elektronischen Puzzlers rekonstruiert werden soll. Nickolay hofft derweil auf weitere Einsatzgebiete für seine neue Technik: Zum Beispiel in der Archäologie, bei der Restaurierung von Gemälden und in der Kriminaltechnik.

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