Reality-Fernsehen per Handy
Moblogging zwischen Tür und Angel

Blogger brauchen keinen Personalcomputer mehr. Sie produzieren per Mobiltelefon ihr eigenes Reality-Fernsehen.
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DÜSSELDORF. Mobiltelefone sind immer zur Hand, selbst in tragischen Momenten: Minuten nachdem Terroristen Anfang Juli des vergangenen Jahres in der Londoner U-Bahn Rucksackbomben gezündet hatten, schossen Überlebende mit ihren Handys Fotos vom Tatort. Noch in den rauchgefüllten Tunneln schickten sie die Fotos als E-Mail an die BBC, und am gleichen Tag erfuhr die ganze Welt von ihrem Grauen.

Mit ihrem Daumen am Handy hatten die Leute ausgeführt, was Shawn Conahan, ein Mobilfunkstratege aus San Diego, Kalifornien, die "erste große Aktion im mobilen Blogging" nennt. Mobiles Blogging - oder kurz Moblogging - ist ein Phänomen, das seit zwei, drei Jahren unter Mobilfunkteilnehmern um sich greift: Sie benutzen ihr Handy als Eingabemedium für das Internet, meist für ihre persönlichen Web-Journale, die so genannten Blogs. Was immer sie mit ihrer Handykamera aufschnappen oder als Kurztext an ihrem Handset eintippen, senden sie noch an Ort und Stelle ins Internet, vorausgesetzt, ihr Mobilfunkanbieter liefert Web-Zugang.

Conahan ist Gründer der Moblogging-Firma Intercasting. Ihr Service Rabble macht Heimcomputer obsolet, und für Conahan bedarf es demnächst auch keiner BBC mehr, um aktuelle Nachrichten um die Welt zu jagen. Er verspricht: "Wir stellen die Medienwelt auf den Kopf."

Rabble umgeht gleich das ganze Internet. Mobiltelefone sind mit Rabble Aufnahme- und Wiedergabegeräte zugleich. Nichts, was mit Rabble geschrieben, fotografiert, als Audiodatei festgehalten und dann aufgeladen wird, landet im Internet. Alles erscheint auf dem Handydisplay anderer Rabble-Kunden. Die Daten werden über die Mobilfunkverbindung in einen so genannten Intercasting-Server gelagert und können von jedem abgerufen werden, der Rabble abonniert. Rabble kostet umgerechnet zwei Euro fünfzig pro Monat. Bislang bieten die US-Mobilfunkbetreiber Verizon und Cingular diesen Service an.

Rabble-Kunden eröffnen zunächst einen Kanal, einen Blog für Handys. Sie füllen ihn mit einer Kurzbiografie, kleinen Texten, Fotos, MP3-Dateien mit mündlichen Kommentaren, Veranstaltungstipps, einer Stadtkarte, alles versehen mit Uhrzeit und Datum. Schließlich geben sie dem Kanal einen Namen.

Alyson Burgess' Kanal heißt Liberal-Fury. Die 24-jährige Studentin aus Woodbury, einer kleinen Stadt in Tennessee, offenbart in Rabble vor allem ihre politischen Ansichten. Rabble-Abonnenten, die LiberalFury besuchen, sehen auf ihrem Display zuerst die neuesten Eintragungen der Studentin, Vignetten zur Tagespolitik, vielleicht sogar einen geistreichen Schlagabtausch mit einem politischen Opponenten. Denn Besucher können Kurzbotschaften im Kanal hinterlassen und damit einen Dialog beginnen.

Tiefer im Kanal erscheint die Kurzbiografie von Alyson Burgess, dahinter Fotos, ältere Informationen und Schlüsselworte wie "Hillary".

Burgess hatte Hillary Clinton auf einer Konferenz in Washington kennen gelernt, Fotos von ihr gemacht und ihre Statements aufgeschrieben. Es brauchte nur zwei Minuten, bis Handynutzer von der Ostküste vom Hillary-Auftritt erfahren konnten. "Ich habe zwei Knöpfe am Mobiltelefon gedrückt und war schneller als Radio und TV", erinnert sich Burgess.

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