Super Mario, Pac Man und Sim City
Daddeln mit Seniorenbonus

Unglaublich, da steht sie wirklich: Sieht aus wie ein klobiger schwarzer Brotkasten mit Kunstholz verkleidet, sechs Hebeln und einem Schacht für die Kassetten. "Atari VCS, Baujahr 1977, die erfolgreichste Spielekonsole der späten 70er- und frühen 80er-Jahre", steht auf dem Schild neben dem Plexiglas, das vor nostalgischen Fingern schützt.

LONDON. Für mich ist sie mehr: ein Teil meiner Jugend. Mein Freund Ralf hatte eine, und das machte sein Zimmer zum Treffpunkt videospielverrückter Jungs. Wie wären die Jahre zwischen Fußball auf der Wiese und Mädchen in der Disco sonst herumgegangen? Ich weiß es nicht.

Nun das Wiedersehen bei der Eröffnung von "Game on", der bisher größten Ausstellung zur Geschichte des Videospiels im Science Museum in London. Meine Jugend als Museumsobjekt. Ich greife zum viereckigen Joystick - hieß das damals schon so? Linker Daumen auf den Feuerknopf, den Steuerhebel zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Ich muss nicht nachdenken, die Finger wissen, was zu tun ist.

"Space Invaders", die von einem Schwierigkeitsgrad zum nächsten schneller von links nach rechts und von oben nach unten auf den Bildschirm ruckeln, Fußballer, dargestellt durch einen Strich mit zwei Beinen, die beim Laufen seltsam raspelnde Geräusche machen - die Erinnerung an die Atari-Spiele von damals kommen wieder, Erinnerungen an Super Mario, Donkey Kong, Pac-Man, Sim City, Sonic the Hedgehog.

Die Geräuschkulisse in den Ausstellungsräumen ähnelt der einer Spielhalle, doch die Wände sind in beruhigendem Blau gehalten. Gut 120 Spiele können die Besucher bis Ende Februar ausprobieren, vom Schläger-und-Ball-Pionier "Pong" von 1972 bis zu "Project Gotham Racing 3" auf der aktuellen Spielekonsole X-Box 360 von Microsoft. Dazwischen tauchen immer wieder Erläuterungen auf über den Zusammenhang zwischen Film- und Spieleindustrie, die Rolle der Musik im Computerspiel und Arbeitsabläufe der Entwickler.

Ein ganz besonderes Stück steht unbeachtet in einer Ecke: Ein mannshoher, grober Holzapparat mit riesigen Knöpfen und einem Bildschirm in der Mitte. Erstaunt entziffere ich die halb abgeschabte deutsche Schrift auf den Metallplättchen neben dem Münzeinwurf: "Spielhebel und Spielknopf entsprechend Spielregeln betätigen". Und darunter: "Achtung! Bei Störungen Gewalt anwenden". Ein Scherzkeks hat offenbar das Wörtchen "keine" abgekratzt. Es handelt sich um einen von nur drei erhaltenen Poly-Play-Automaten der VEB Polytechnik, Baujahr 1985. Dies war der einzige in der DDR gefertigte Spielcomputer.

"Mein erstes Spiel war Space Invaders auf einem Spielautomaten", erinnert sich Conrad Bodman, Kurator der Ausstellung. Ein fanatischer Spieler ist der modisch gekleidete Enddreißiger nicht geworden, obwohl er gerade überlegt, sich eine der Spielekonsolen der neuesten Generation anzuschaffen. Er arbeitet beim Arts Council England, das Steuer- und Lotteriegelder an Kunstprojekte verteilt. Ihm kommt es bei der Ausstellung vor allem darauf an zu zeigen, welchen kulturellen und sozialen Einfluss Computerspiele haben.

"Wir verfolgen hier die Spur der Spieleindustrie von den Ursprüngen in der Wissenschaft durch die Spielhallen und die Wohnzimmer ins Internet", sagt er. Es werde Zeit, die kreativen Köpfe der Szene gebührend zu würdigen, findet er. Leute, die zum Beispiel seinen persönlichen Favoriten "Rez" entworfen haben, ein multimediales Spiel in einer esoterischen Phantasiewelt mit Musik, die auf die Aktivitäten des Spielers reagiert, und mit Steuergeräten, die in der Hand vibrieren.

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