Wirtschaftsspionage
Ohne Spuren

  • 0

Bei der Entwicklung neuer Technologien arbeitet die US-Industrie bereits eng mit der NSA zusammen. Internet-Produkte gehören für die US-Regierung zu den Schlüsseltechnologien, die nicht in ausländische Hände fallen dürfen. Die Fusion zwischen den Netzausrüstern Alcatel und Lucent bekam erst den Segen der US-Behörden, als Lucent „sensitive Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für die US-Regierung" aus der Ideenfabrik Bell Labs in eine separate Gesellschaft ausgliederte. Mit Ex-Verteidigungsminister William Perry, Ex-CIA-Chef James Woolsey und Ex-NSA-Chef Kenneth Minihan zogen gleich drei prominente Regierungsvertreter in den neu formierten Aufsichtsrat ein. Auch zu Cisco, dem Marktführer bei Internet-Routern, hält die NSA engen Kontakt.

Im großen Stil treibt die NSA diese Industriekooperationen voran. Ehemalige NSA-Chefs wie Minihan und der Vize-Chef William Crowell sitzen inzwischen in den Aufsichtsräten wichtiger Zulieferer wie Mantech (Schnüffelprogramme), Nexidia (Spracherkennung), Clearcube (ausgelagerte Rechner), Broadware (Videoüberwachung), Narus (Netzwerk-Management), RVision (Zoom-Kameratechnik), Safenet (Verschlüsselungsverfahren) und Choicepoint (Auswertungssoftware).

Einer der Hoflieferanten ist der Softwareanbieter Mantech. Speziell entwickelte Schnüffelprogramme wie das „Netwitness" (zu Deutsch Augenzeuge im Netz) schlagen an, sobald ein in den Suchlisten der NSA-Hochleistungsrechner hinterlegter Begriff in Telefonaten oder E-Mails fällt. Die Version 5.0 - so die aktuelle Produktbeschreibung - „zeichnet wie ein Videorekorder große Datenvolumina auf" und „sucht sofort automatisch Antworten auf die Fragen, wer wann wo was warum verschickt hat". Zwei Drittel des Umsatzes bringen die Großaufträge der US-Geheimdienste.

IT-Auslagerung verschärft Sicherheitsprobleme

Die NSA interessiert sich sogar für das Surfverhalten. So wurde Ende 2005 bekannt, dass die NSA Besucher der eigenen Web-Seite mit sogenannten Spyware-Cookies ausschnüffelt. Diese illegalen Schnüffelprogramme gelangen auf die Computer ahnungsloser Surfer, protokollieren alle angeklickten Web-Seiten, werten sie aus und leiten diese Daten an die NSA zurück. Nicht verstummen wollen zudem Gerüchte, dass die NSA eng mit dem Suchmaschinen-Betreiber Google kooperiert. Der Ex-Geheimdienstoffizier Robert David Steele behauptet, dass sich diese Partnerschaft vor allem auf die Entwicklung neuer sogenannter Data-Mining-Technologien konzentriert. Google soll der NSA helfen, noch besser und schneller bislang verborgene Schätze in großen Datenbanken zu heben.

Jedenfalls warnt das Marktforschungsunternehmen Gartner seine Kunden vor dem allzu sorglosen Umgang mit Google und empfiehlt, die Anfang des Jahres erschienene Desktop-Suche für PCs zu deaktivieren. Mit der Funktion „Search Across Computers" können Unternehmen übergreifend in mehreren Rechner nach Informationen suchen. Die gefundenen Dateien landen auf einem externen Google-Server und werden dort 30 Tage aufbewahrt. Damit gingen die Unternehmen laut Gartner ein zu großes Sicherheitsrisiko ein.

Der Trend, die eigene Informationstechnik aus Kostengründen auf externe Rechner auszulagern, verschärft die Sicherheitsprobleme noch. Das Bonner Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnte im vergangenen Jahr bereits vor dem Einsatz von Blackberrys „in sicherheitsempfindlichen Bereichen der öffentlichen Verwaltung und spionagegefährdeten Unternehmen". Blackberry-Hersteller Research in Motion leitet den gesamten E-Mail-Verkehr in Europa über einen Rechner in Egham bei London. Damit sind dort alle Verbindungsdaten und die Kommunikationsinhalte verfügbar. Die örtlichen Geheimdienste könnten sich „zum Wohl der britischen Wirtschaft" Zugang zu diesen Daten verschaffen.

Kommentare zu " Wirtschaftsspionage: Ohne Spuren"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%