Antidepressiva
Wirkungslose Glückspillen

Antidepressiva sind Umsatzgaranten für Pharmafirmen. Bei Patienten mit unklaren Problemen diagnsotizieren Hausärzte bisweilen allzu leichtfertig eine Depression und veschreiben die teuren Tabletten. Doch diese wirken oft nicht viel besser als Placebos.

DÜSSELDORF. Sie waren Stars. Sie spielten Hauptrollen in Hollywood-Filmen, Woody Allen ging mit ihnen ins Bett, mindestens 40 Millionen Fans waren ihnen sicher. Neuere Antidepressiva wie "Prozac", seit 1986 auf dem Markt, waren mehr als Medikamente, sie waren Versprechen: Die Öffentlichkeit jubilierte über die Drogen, die "die Trauer abschaffen". Psychiater empfahlen die Tabletten, um sich "besser als gut" zu fühlen. Das "Time Magazine" kürte Prozac 1993 gar zur "Pille des Jahres". Doch jetzt hat ein britischer Psychologe die inneren Werte der angeblichen Glückspillen ganz genau angeschaut - und will sie als Hochstapler entlarvt haben.



In einer Meta-Analyse untersuchte Irving Kirsch von der Universität Hull 47 klinische Studien, die Pharmafirmen bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde eingereicht hatten - darunter auch bislang unveröffentlichte. Sein Fazit: Antidepressiva der neuesten Generation, sogenannte Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) wie Prozac (in Deutschland unter dem Namen Fluctin erhältlich), wirken bei leichten Depressionen nicht besser als Scheinmedikamente.

Und selbst bei sehr schweren Depressionen ist der Effekt der echten Pillen nur wenig besser als der von Placebos. Angesichts dieser Ergebnisse sollten Antidepressiva nur noch Patienten mit schwersten Depressionen verschrieben werden, so Kirsch in seiner Untersuchung, die er im Fachmagazin "Plos Medicine" veröffentlichte.





Eine Provokation vor allem für Psychiater, die auf die medikamentöse Behandlung von Depressionen setzen. "Diese Berichte werden Menschenleben fordern", droht Ulrich Hegerl, Sprecher des Kompetenznetzes Depression, und verweist auf die Suizidgefahr bei Depressionen.

Wolfgang Gaebel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, wirft Kirsch falsche Schlussfolgerungen vor: Dass die Medikamente bei schwersten Depressionen besser abschnitten als Placebos, zeige ja, dass sie tatsächlich wirken. Und die Pharmahersteller Eli Lilly und Glaxo-Smithkline berufen sich auf neuere Untersuchungen, die die Wirksamkeit der Antidepressiva belegt hätten.



Bei Antidepressiva steht viel auf dem Spiel. Auch viel Geld. Seit die ersten SSRI 1990 auf den deutschen Markt kamen, haben sich die Verschreibungszahlen von Antidepressiva verdreifacht - Tendenz steigend. 440 Millionen Euro wurden allein 2005 in Deutschland damit umgesetzt. Schon jetzt bekommt jede fünfte Frau in Deutschland bis zum Alter von 55 Jahren einmal die Diagnose "Depression", ergab eine Studie mit Daten der Gmünder Ersatzkasse. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet damit, dass Depressionen bis 2020 in den Industrieländern neben Herz-Kreislauf-Problemen zur häufigsten Krankheit werden.

Doch mit den Verschreibungszahlen wuchs auch die Kritik. Die Hersteller hätten Informationen über Nebenwirkungen der SSRI zurückgehalten, heißt es immer wieder. Bereits seit Jahren warnten Wissenschaftler vor einem erhöhten Suizidrisiko bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, inzwischen müssen die Beipackzettel einen entsprechenden Warnhinweis tragen. Und bei alten Menschen haben die Mittel oft gefährliche Folgen wie Herzinfarkte oder verminderte Knochendichte.

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