Elektronische Sehhilfen
Chip im Auge könnte Blindenstock ersetzen

Die ersten Seh-Prothesen stehen kurz vor der Markteinführung, bereits 2011 könnte es soweit sein. Die Implantate vermitteln dem Patienten grobe Seheindrücke: Sie können hell und dunkel unterscheiden sowie Bewegungen und größere Objekte wahrnehmen. Doch damit ist die Entwicklung noch lange nicht am Ende.
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DÜSSELDORF. Ein Chip im Auge ersetzt den Blindenstock - diese Vision, die Forscher zu Beginn der neunziger Jahre formulierten, wird heute Realität. Am Wochenende zeigten Forschergruppen auf einem internationalen Symposium in Bonn ihre neuesten Entwicklungen, die kurz vor der Markteinführung stehen.

Mobil sein und sich orientieren können, ein unabhängiges Leben führen, Gesichter erkennen und lesen können - diese Fähigkeiten würden sehbehinderte oder erblindete Patienten mit degenerativen Netzhaut-Erkrankungen gerne zurück gewinnen. Vor zehn Jahren hatte eine Forschergruppe die Erwartungen von Patienten an eine elektronische Sehprothese untersucht. Heute erscheinen die Wünsche der Patienten nicht mehr utopisch.

"Wir befinden uns auf der Zielgeraden", sagt Peter Walter, Professor an der Universitätsaugenklinik Aachen und wissenschaftlicher Leiter des Symposiums. Die letzten Studien vor der Markteinführung liefen gerade an. Dabei gehe es um die Langzeitverträglichkeit der Implantate und deren Nutzen im täglichen Leben. Die Hersteller gehen davon aus, dass die Prothesen im Jahr 2011 ihre Zulassung erhalten.

Im Prinzip gibt es zwei Entwicklungsrichtungen. Bei dem sogenannten "subretinalen Implantat" wird der Chip unter die Nervenzellschicht in der Netzhaut eingepflanzt. Dort empfängt er - den Photorezeptoren in der Netzhaut ähnlich - Lichtimpulse, wandelt sie in elektrische Signale um und überträgt diese auf die Nervenzellen der Netzhaut. Nach diesem Prinzip funktioniert die Sehprothese der Forschergruppe um Eberhart Zrenner in Tübingen sowie die Prothese der US-Wissenschaftlergruppe um Joe Rizzo und Shawn Kelly vom Boston Implant Project in Cambridge, Massachusetts.

Beim sogenannten epiretinalen Implantat dagegen wird der Chip auf der obersten Nervenzellschicht fixiert. Er empfängt Daten von einer kleinen Kamera an einer Brille, die der Patient trägt, und wandelt diese in Impulse für die Nervenzellen um. Nach diesem Prinzip funktionieren die Prothesen der Bonner Firma IMI sowie eines Forscher-Konsortiums, in dem Wissenschaftler der RWTH Aachen sowie vom Fraunhofer Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme mit Ärzten der Universitätsaugenklinik Aachen um Peter Walter zusammenarbeiten.

Alle elektronischen Sehhilfen vermitteln den Patienten grobe Seheindrücke - sie können hell und dunkel unterscheiden sowie Bewegungen und größere Objekte wahrnehmen.

Damit sei die Entwicklung aber noch lange nicht am Ende, sagt Walter. In Laboratorien rund um die Welt wachse schon die nächste Generation von Sehprothesen heran, bei der Ingenieure, Informatiker, Biologen und Mediziner ihr Wissen zu neuen Strategien verknüpfen - und Elektronik und Nervensystem sich miteinander verbinden. So entwickeln Forschergruppen in der Schweiz und in Japan beispielsweise Systeme, bei denen der Chip nicht mehr ins Auge implantiert, sondern außen auf der sogenannten Lederhaut befestigt wird, die den Augapfel in der Augenhöhle schützt. Nur noch die Elektroden, welche die Nervenzellen in der Retina stimulieren, werden durch einen kleinen Schnitt in das Augeninnere vorgeschoben.

Chinesische Forscher entwickeln sogar Prothesen, die nicht mehr die Nervenzellen der Retina, sondern direkt den Sehnerv stimulieren. Und australische und amerikanische Wissenschaftler arbeiten an Sehprothesen, die keine elektrischen, sondern biochemische Impulse produzieren. Die Prothesen sollen Hirnbotenstoffe (Neurotransmitter) nach räumlich und zeitlich kontrollierten Mustern freisetzen und so die Nervenzellen stimulieren.

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