Fehlzeiten in Unternehmen
Firmen sollen Mitarbeitern in Lebenskrisen helfen

Psychische Erkrankungen führen zu langwierigen Arbeitsausfällen. Wer betroffen ist, kann nach Angaben der AOK im Schnitt fast 26 Tage nicht arbeiten. Die Krankenversicherung hat die Gründe analysiert.
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BerlinBei Unternehmen wie der Deutschen Bahn AG sind die Zusammenhänge offensichtlich. Statistisch gesehen alle 20 Jahre erlebt ein Lokführer im Dienst einen „Schienensuizid“. Jemand wirft sich vor den fahrenden Zug. Die Vollbremsung kann den Tod des Selbstmörders meist nicht verhindern. Den herbeigerufenen Rettungssanitätern verbleibt dann nur, den zerfetzten  Körper von Schienen und Fahrgestell des Zuges zu lösen. 700 Schienenselbstmorde im Jahr zählt das statistische Bundesamt. Jedes Jahr wechseln 20 Lokführer in eine andere Tätigkeit, weil sie mit dem Erlebten nicht fertig werden – und dies, obwohl die DB schon lange ein komplexes Hilfesystem aufgebaut hat, um Mitarbeitern zu helfen, posttraumatische Belastungsstörungen  zu überwinden. Aktuell kümmern sich 35 Psychologen und Betriebsärzte der IAS-Gruppe, einem Dienstleister für betriebliches Gesundheits- und Leistungsfähigkeits-Management, um sie. Das Programm besteht aus den Modulen Prävention, Hilfen in der Akutsituation und der Nachbetreuung bis zu einer schrittweisen Wiedereingliederung in den alten Arbeitsplatz.

Dienstunfähigkeit wegen traumatisierender Erfahrungen ist auch bei Soldaten im Auslandseinsatz ein Thema oder bei Rettungssanitätern, Ärzten oder Krankenschwestern, die täglich mit Katastrophen und menschlichem Leid in Berührung kommen. Während es bei der Bundeswehrt seit einigen Jahren ein psychosoziales Netzwerk gibt, über das betroffenen Soldaten, wenn es sein muss auch diskret und anonym, geholfen wird, gibt es vergleichbare umfassende Hilfen für Mitarbeiter des Gesundheitssystems nicht. Ein Drittel gelten nach früheren Untersuchungen als vom Burnout bedroht.

Doch traumatische Erlebnisse sind nicht nur ein Thema bei Bahn, Bundeswehr und Sozialberufen. Jeder Arbeitnehmer ist früher oder später davon betroffen. Auch hier kann Krankheit und Dienstunfähigkeit die Folge sein. Darauf weist das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen in seinem aktuellen Fehzeitenreport hin.

Das Institut hat 2000 repräsentativ ausgewählte Arbeitnehmer befragt. „Etwa die Hälfte der Erwerbstätigen war danach in den letzten fünf Jahren von einem kritischen Lebensereignis betroffen. Die Folgen sind für Beschäftigte und Arbeitgeber gravierend“, so Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido).

Meist sind Ereignisse im privaten Umfeld der Auslöser. So geben 14 Prozent der Befragten an, von einer schweren Krankheit in der Familie betroffen zu sein. 13 Prozent berichten von allgemeinen  privaten Konflikten, 14 Prozent haben mit den Folgen einer Scheidung der der Trennung vom Lebenspartner zu kämpfen. Bei jedem Zehnten ist der Tod des Partners oder eines engen Familienangehörigen Auslöser der Lebenskrise.

Dabei wächst die Wahrscheinlichkeit, von einer solchen Krise betroffen zu sein, mit dem Alter. Etwas mehr als ein Drittel der Beschäftigten unter dreißig (37,6 Prozent) berichtet über kritische Lebensereignisse, bei den 50- bis 65-Jährigen sind dies schon fast zwei Drittel (64,7 Prozent).

Jüngere Erwerbstätige berichten neben privaten Konflikten auch über finanzielle oder soziale Probleme, während bei älteren Erwerbstätigen Krankheit oder der Tod des Partners eine größere Rolle spielen. Beruhigend für Chefs und Arbeitgeber: Streit oder Mobbing am Arbeitsplatz sind nur in 8,9 Prozent der Fälle Auslöser. Noch seltener, in 8,5 Prozent der Fälle, sind eigene schwere Erkrankung oder Unfälle oder Suchtprobleme für eine Lebenskrise verantwortlich.

Bei achtzig Prozent der Betroffenen hat eine solche Krise aber massive Auswirkungen auf das Leben insgesamt. 79 Prozent führen körperliche Erkrankungen, 58,7 Prozent seelische Störungen auf die Krise zurück. Über zwei Drittel (66,6 Prozent) gaben an, dass sie auch im Beruf weniger leistungsfähig sind. Über deutliche Einschränkungen berichtete jeder Zweite (53,4 Prozent). Fast genauso viele sagten, in der Zeit der Krise krank in die Arbeit gegangen zu sein. 34 Prozent meldeten sich häufiger als früher krank.

Eine besondere Herausforderung für die Gesundheitsprävention in Unternehmen sind Arbeitsausfälle durch psychische Erkrankungen. Sie stiegen laut Report in den vergangenen zehn Jahren um 79,3 Prozent. Mit 25,7 Tagen je Fall lagen die Ausfallzeiten 2016 an der Spitze aller Erkrankungen und dauerten mehr als doppelt so lange wie der Durchschnitt mit 11,7 Tagen je Fall.

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Klärende Gespräche mit dem Chef

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