IAA
Der letzte Gruß vom Trucker

Der Lkw der Zukunft fährt sich selbst. Das prognostiziert jedenfalls Marktführer Daimler. Wie diese Vision die Arbeit der Lkw-Fahrer und die ganze Transportbranche verändern könnte.
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Eine Nutzfahrzeugmesse ist normalerweise kein Ort für große Emotionen. Wo es um Nutzlast und Spritsparsysteme geht, wird kalkuliert, nicht geträumt. Daimler-Chefdesigner Gordon Wagener wagt es an diesem Abend trotzdem. Er, der oberste Kreative bei Mercedes, der Designer der S-Klasse, ist einen Tag vor der Eröffnung der Nutzfahrzeug-IAA nach Niedersachen gekommen, um auf dem Markenabend von Daimler zu beweisen, dass man bei aller Vernunft auch beim Design von Lkws visionär sein will. Am Ende seiner Rede traut sich Wagener sogar, beiläufig die berühmten Worte des verstorbenen Apple-Chefs Steve Jobs zu zitieren. „One more thing“.

Dann rollt Daimlers Vision vom Lkw der Zukunft herein. Nicht nur auf den ersten Blick hat der „Future Truck 2025“ wenig gemein mit den Brummis, wie man sie von der Autobahn kennt: Den markanten Kühlergrill haben sich die Daimler-Designer gespart, die Scheinwerfer auch und selbst Rückspiegel sucht man vergeblich. Stattdessen glänzt die glatte Frontpartie in Silber, der Motor brummt auf, hunderte LEDs schimmern in weiß, blau und orange.

Am Steuer sitzt der Daimler-Nutzfahrzeugchef Wolfgang Bernhard persönlich. Er lenkt den Truck, der eigentlich völlig autonom fahren könnte, die letzten Meter zu seinem Platz vor den Zuschauerreihen. Man will heute kein Risiko eingehen. Der „Future Truck“ kann sich heute keine Peinlichkeiten erlauben. Er ist das neue Lkw-Flaggschiff des Weltmarktführers. Ein Truck wie ein Ufo. Daneben steht Daimler-Manager Bernhard und lächelt in die Kameras.

Trucker, war das nicht mal ein Beruf, der nach Schweiß und Diesel riecht? Geht es nach Daimler, könnte das schon das in zehn Jahren Vergangenheit sein. Zwar braucht auch der „Future Truck 2025“ weiter einen Fahrer, doch echte Trucker, die braucht er nicht mehr. Nach der Daimler-Vision gleicht der Beruf des Fernfahrers künftig eher dem eines Piloten. Gesteuert wird der „Future Truck“ ganz ähnlich wie ein Flugzeug. „Highway Pilot“ hat der Hersteller einen Autopiloten an Bord getauft, der alle Daten der Kameras und Sensoren des Trucks zentral sammelt. Ist er eingeschaltet, pulsieren die LEDs an der Front des Lkws in Blau – fast, als hätte der Laster einen Herzschlag. Dann fährt er wie von selbst.

Für den Fahrer bleibt dann nur die passive Rolle: Statt am Lenkrad zu manövrieren, erledigt er alle wesentlichen Steuerbefehle über zwei Touchpads – wie im papierlosen Büro. Ohnehin erinnert der Innenraum des „Future Trucks“ eher an eine Lounge als an ein Führerhaus: Weiße Ledersessel, ein Boden in Holzoptik und eine LED-durchzogene Armatur.

Das Leben des Fernfahrers könnte so künftig deutlich angenehmer werden. Wichtig in einer Branche, der in den vergangenen Jahren der Nachwuchs abhanden gekommen ist. Statt gestresst im Stau zu stehen, könnten Fahrer hinter dem Steuer neue Aufträge entgegen nehmen und bearbeiten oder mit Bekannten oder der Familie skypen. Lenken müssen sie eigentlich nicht mehr.

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„Wir hinken hinterher“

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  • Reifenplatzer: Ja, aber wie oft passiert das? Muss man dafür ständig einen Fahrer haben und Ruhezeiten beachten und alles mögliche? Da reicht auch ein Service, der im Stressfall hinfährt und den Reifen wechselt.

    Diebstahl: Ein unbewachter unbemannter LKW fährt.

  • Wenn unterwegs ein Reifen platzt, tritt aber schon das erste große Problem auf. ;-)
    Interessant würde es aber auch für Kriminelle werden: ein unbewachter LKW bietet sich ja geradezu zum Leerräumen an; Ü-Kameras und RFID-Chips helfen da nur bedingt.
    Krasses Beispiel: einem bekannten Bauunternehmer wurde ein Bagger geklaut. Er weiß sogar genau, wo er jetzt steht: in Süditalien. Antwort der lokalen Polizei: Ist Ihnen der Bagger lieber oder Ihr Leben? ;-)

  • Des Weiteren werden größere Transportunternehmen vermutlich ein paar Fahrer in Simulatoren haben, die bei kitzligen Situationen, wie Einparken oder wenn das Auto vorher einen Unfall gebaut hat, das Steuer übernehmen und auch mal pragmatisch fahren können, oder verbalen Anweisungen eines Polizisten folgen.

    Da kann aber ein "Fahrer" für 20 oder 30 LKWs zuständig sein.

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