Zukunft der Arbeit
Die Digitalisierung braucht eine soziale Agenda

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Fast die Hälfte der Arbeitsplätze in USA bedroht

Die Digitalisierung der Wirtschaft könnte, anstatt viele kleine neue Unternehmen zu schaffen, auch große Konzerne begünstigen, weil nur diese das Geld übrig haben, in die digitale Entwicklung und neue digitale Produktion zu investieren. Schon heute sind es vor allem die Großkonzerne, die maßgeblich in Forschung und Entwicklung investieren. Oder die Großkonzerne kaufen schnell die erfolgreichen Start-Ups auf. Auch das würde dazu führen, dass die ökonomische Ungleichheit wüchse, weil die Eigentümer der Großkonzerne so immer reicher und reicher würden.

Hinzu kommt, dass einige Jobs, die heute gut bezahlt sind, durch Software und Maschinen ersetzt werden könnten, sodass die Anzahl der prekär Beschäftigten und schlechter bezahlten Beschäftigten steigt. Eine Studie von Oxford-Wissenschaftlern kommt etwa zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten bedroht sein könnten. Andere Länder – wie Deutschland – könnten im Gegenzug Arbeitsplätze aufbauen oder aber den gleichen Problemen des Strukturwandels unterliegen, weil möglicherweise der Arbeitskräftebedarf sinkt – eben weil Maschinen menschliche Arbeitskraft ersetzen.

Aber auch wenn die Digitalisierung in Deutschland mehr – vor allem hochwertige – Jobs schafft, bedeutet Strukturwandel, dass vorübergehend Arbeitsplätze wegfallen und es zu beruflicher Um- und Neuorientierung kommen muss. Somit ist eine rein marktwirtschaftliche Digitalisierung ohne Korrekturen durch den Staat eine große Gefahr.

Die Schlussfolgerung für die Digitalisierung kann also nur lauten, dass sie in jedem Fall eine soziale Agenda braucht. Es braucht erstens eine starke Grundsicherung. Es braucht zweitens auch einen vorsorgenden Sozialstaat, der in die Befähigung und Qualifizierung der Menschen investieren kann. Denn nicht nur berufliche Um- und Neuorientierung werden Finanzierung und Organisation durch die Sozialpolitik brauchen, sondern auch in der Bildungspolitik muss frühzeitig eine umfassende Befähigungspolitik wirken, da die Qualifikationsanforderungen an die Menschen immer höher werden – private Weiterbildung kann sich eben nicht jeder leisten. Nur wenn der Staat sich hier stark engagiert, kann eine weitere Privilegierung verhindert werden. Drittens braucht es langsam Formen für eine stärkere Vermögens- und Kapitalbesteuerung – und dies muss vor allem auf internationaler Ebene gelöst werden. Viertens dürfen die Nationalstaaten sich trotz eines kaum zu vermeidenden Wettkampfs um die digitale Vorherrschaft nicht gegenseitig so unterminieren, dass sich ganze Nationen als Verlierer der kapitalistischen Evolution fühlen.

Deshalb muss die Evolution des Kapitalismus nicht nur von einer intrastaatlichen Sozialstaatsevolution, sondern auch von einer interstaatlichen Weltsozialpolitik begleitet werden. Die soziale Evolution und der zukünftige digitale Kapitalismus können nur als Verhandlungsprojekt gelingen. Es braucht ein System des Ausgleichs. Auch wenn dessen Etablierung hart umkämpft sein wird, muss man doch langsam beginnen, dieses zu schaffen.

Für Deutschland bedeutet das konkret: Man sollte nun erstens die Investitionen in das Bildungssystem erhöhen. Zielmarke dafür sollten 9 Prozent vom BIP sein (mit Forschung 12 Prozent). Zweitens braucht es eine Arbeitsmarktpolitik der zweiten und dritten Chance. Ein Workfare-System, in dem es nur um die möglichst schnelle Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt geht, wird für die Digitalisierung falsch sein. Vielmehr braucht es Konzepte, in denen umfangreiche neue Ausbildungen – gar Studiumsmöglichkeiten – komplett oder zumindest teilfinanziert werden. Außerdem brauchen wir eine Bundesagentur für Weiterbildung, die auch denen neue Perspektiven vermitteln kann, die noch einen Job haben. Drittens sollte die deutsche Regierung auf internationaler Ebene für ein Weltwirtschaftsmanagement, für die langsame Austrocknung von Steueroasen und für eine Form globaler Vermögensbesteuerung werben. Nur so kann die Digitalisierung für alle ein Erfolg werden.

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