Der moderne Mann
Das Prinzip Brustbeutel

Herr K. macht endlich Sommerferien. Mit Frau und Kindern verbringt er zwei Wochen in Süditalien. Unter der prallen Sonne denkt er über den typischen deutschen Urlauber nach – und findet, dass er doch etwas anders ist.
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Als Urlauber sind uns Deutschen drei Faktoren wichtig: 1) eine akribische Vorbereitung, 2) hochgradig effiziente Entschleunigung sowie 3) uns erkennt doch hoffentlich niemand als Deutsche?!

Natürlich sind diese Nationalitäten-Klischees albern, denkt Herr K. und schaut sich um. Er steht im Herzen Neapels, greift nach dem Brustbeutel unter seinem Polo-Ralph-Lauren-Shirt und findet, dass er schon fast wie ein Einheimischer aussieht. So lässig, wie er gerade seinen Fotoapparat in die Seitentasche seiner bitterschokoladenbraunen Cargo-Shorts presst, während seine Frau mit den Kindern in einer Seitengasse verschwunden ist.

Tag zwei seines diesjährigen zweiwöchigen Sommerurlaubs hat begonnen, womit eine der wichtigsten Fragen beantwortet ist: Wie lange darf man im mittleren Management eines boomenden Industrielandes am Stück Urlaub machen?

Eine Woche wäre zu kurz. Wenn man Pech hat (und sie hatten dieses Pech schon), muss man mit irgendeinem Fun-and-Sun-Air-Pauschalbomber an Urlaubstag eins um 19.35 Uhr abfliegen und kommt zu einer Zeit im Hotel an, wenn der Frühstücksservice gerade frisch eindeckt. Der Rückflug ist dann gern an Tag sieben um 6.40 Uhr, was den Vorteil hat, sich vom Frühstücksservice vorher in Ruhe verabschieden zu können.

Drei Wochen Ferien sind allerdings auch zu viel. Haha, das ist ja schon Sabbatical-Länge, findet Herr K. In unserer schnelllebigen Zeit wäre da nicht mal gewährleistet, dass sein Büroschlüssel noch passt, seine Abteilung noch existiert oder die ganze Zentrale noch steht, wenn er zurückkehrt. Die Mitte als Maß, das wussten ja schon die alten Römer, denen er sich hier sehr nahe fühlt.

Herr K. blättert in seinem sehr analogen Marco-Polo-Reiseführer, blinzelt in die neapolitanische Sonne und denkt über das von ihm selbst gerade aufgestellte Ziele-Triptychon nach. Okay, was die Vorbereitungsphase angeht, ist er womöglich wirklich ein bisschen deutsch. Aber vielleicht stecken diverse Planungstrauma auch in uns – von Russland-Feldzug bis Elbphilharmonie und Berliner Großflughafen BER.

Also hat Herr K. im Vorfeld dieser Süditalien-Reise sogar das Kleingedruckte in den Konditionen des Mietwagenverleihs gelesen, der einen lustigen Fantasienamen trägt, online sehr günstig war und ihm morgen um Punkt zehn Uhr einen Fiat irgendwas mit Navi und Klima vor die Hoteltür stellen wird. So steht es im Vertrag.

Er glaubt an Verträge. Früher hat er an die Zahnfee geglaubt, heute glaubt er an Maastricht und Verschuldungsobergrenzen. Wir Deutschen sind nun mal so – die Spaßbremsen im großen Europa-Konzert, denkt Herr K. und schmunzelt: super argwöhnisch, aber mit einer großen Sehnsucht, an irgendetwas glauben zu dürfen.

Herr K. findet sich bereits jetzt ziemlich lässig, denn er kann an Urlaubstag Nummer zwei schon über sich selbst lachen. Dann fasst er sich wieder an die Brust. Der Lederbeutel ist weg. (Fortsetzung nächste Woche)

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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