Der moderne Mann
Es werde Schulz!

Martin Schulz wird als neuer Erlöser gefeiert. Für Herrn K. hat das etwas durchaus Tröstliches. Denn Schulz beweist ihm, dass man selbst als nicht mehr ganz so junger, weißer Mann wieder eine Zukunft haben kann.
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Früher hießen Erlöser noch Jesus von Nazareth, Mahatma Gandhi oder wenigstens Frodo Beutlin. Heute reicht schon ein Schulz. Martin Schulz, der Hobbit der SPD, den nicht nur die SPD-Basis für einen neuen Messias hält. 100 Prozent Zustimmung bei der Wahl zum SPD-Vorsitzenden – so was lässt selbst Kim Jong-un erblassen. Für Herrn K. hat das etwas durchaus Tröstliches. Er glaubt zwar nicht, dass Schulz das Land in eine glorreiche Zukunft voller Gerechtigkeit, Glück und „Arbeitslosengeld Q“ führen wird. Aber Schulz beweist ihm, dass man selbst als nicht mehr ganz so junger, weißer Mann wieder eine Zukunft haben kann. Es ist ja noch nicht lange her, da galten ältere, weiße Männer nicht gerade als die Speerspitze der Avantgarde.

Herr K. ist Mitte 40. Herr Schulz ist 61. Er hat mal eine Lehre als Buchhändler gemacht, war in einem ersten Leben Bürgermeister seiner Heimatstadt Würselen und in einem zweiten Präsident des Europaparlaments. In einem Alter, da andere mit Vorruhestand, André-Rieu-Konzerten und Kreuzfahrt-Urlauben liebäugeln, wird Schulz jetzt (im dritten Leben) wahrscheinlich bald auch Babys segnen und greisenhaften Genossen durch pures Handauflegen Augenlicht oder wenigstens aufrechten Gang wiederschenken. Herr K. findet diese Art der Resozialisierung bemerkenswert und erfreulich zugleich, zumal Martin Schulz bis vor kurzem ja ein durchaus bedeutender Vertreter der Brüsseler Bürokratie war.

Und Brüssel ist auch bei den Bundesbürgern ähnlich beliebt wie Zahnschmerzen, Tempolimits oder osteuropäische Einbrecher-Kartelle, deren Unterschiede zu Brüsseler Beamten auch nach Schulz‘ langjähriger PR-Arbeit hierzulande nicht jedem bekannt sein dürfte. Überhaupt muss man ja sagen, dass das Europa, das Schulz hinterlassen hat ... nun ja  ... also Herr K. würde sagen: „Da ist noch Luft nach oben.“ Nur nicht mehr für Martin Schulz, der jetzt Bundeskanzler werden will.

Vom Eurokraten mit dem Charisma eines ergrauten Streetworkers zur bundesdeutschen Polit-Lichtgestalt in nur wenigen Wochen – das ist schon sensationell. Man weiß zwar nicht so richtig, welche Ursachen dieser kometengleiche Aufstieg hat. Vielleicht liegt es gar nicht an Schulz‘ Stärke, sondern an Angela Merkels Schwäche, wenn zwischen Sylt und Einödsbach neuerdings selbst ein Schulz zum Messias taugt. Aber das ist jetzt auch egal: Martin, make Germany great again – und uns ältere Männer gleich mit!

Was wäre da erst für Herrn K. drin, der zwar weniger Sprachen spricht als Schulz, aber ja auch unbelastet ist, was Polit-Establishment angeht, das neuerdings ebenfalls niemand mehr leiden kann. Herr K. war nur mal Vize-Klassenbuch-Ordner in der 3a seiner Grundschule. Ehrenamtlich. Das kann ihm heute wirklich nicht mehr zum Vorwurf gemacht werden. Vielleicht geht da noch was. Politisch. Nur bitte nicht in

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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