Der moderne Mann
Nachdenken über Hergenröther

In der Firma von Herrn K. ist der Pförtner in Rente gegangen – nach 32 Dienstjahren. Und das stimmt ihn nachdenklich. Herr K. merkt, dass er nicht viel von seinen Arbeitskollegen weiß. Vielleicht müsste man mehr reden?
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Griechenland geht‘s nicht gut. Im Donbass wird wieder gekämpft. Der IS steht wahrscheinlich schon kurz hinter Salzburg. Und in der Firma von Herrn K. ist auch noch der Pförtner in Rente gegangen. Nach 32 Dienstjahren, die Herr K. nicht alle mit teilnehmender Beobachtung verbracht hat. Aber Hergenröther ist ihm doch ans Herz gewachsen. Na ja, wie ein Firmenparkplatz eben. Mit dem redet man auch nicht jeden Tag und schätzt ihn dennoch.

Stimmt schon, er hat nicht viel mit Hergenröther geplaudert, den er nie mit „Herr“ angeredet hat, was Herrn K. erst jetzt auffällt. „Morgen, Hergenröther!“ war sein Nonplusultra an Empathie in diesem Fall. So gingen Sommer und Winter ins Land. Die Blätter fielen, die Kirschblüten dufteten. Menschen starben, wurden geboren. Jahr um Jahr drehte sich der Erdkreis weiter, und es blieb bei „Morgen, Hergenröther!“ und dessen immer freundlicher Replik. Nur einmal hat er derart lange gefehlt, dass es selbst Herrn K. auffiel. Aber als er gerade jemanden fragen wollte, saß Hergenröther wieder in seiner Glas-Butze, als sei nie etwas gewesen.

„Damals hat er seine Frau gepflegt, bis sie starb“, mischt sich seine Sekretärin in Herrn K.s Gedanken ein. Seinen irritierten Blick beantwortet sie schnell: „Tja, man weiß manchmal so wenig über die, mit denen man täglich zu tun hat. Herr Hergenröther war mal ’n hohes Tier in der Studentenbewegung. Aber anders als andere ging er dann nicht in die Politik, sondern wurde Taxifahrer in Berlin. Später hat er eine Gärtnerei aufgemacht, die pleiteging. Privat hat er weiter Rosen gezüchtet, während er auf Pförtner umsattelte. Eine Rose ist sogar nach ihm benannt worden, glaube ich, aber da kenne ich mich zu wenig aus. Der älteste seiner drei Söhne ist irgendwas Hohes in der Landesregierung von Sachsen-Anhalt. Der zweite ist Stuntman in einem belgischen Freizeitpark. Und der jüngste lebt mittlerweile als plastischer Chirurg unfassbar reich in San Diego. Der finanziert ihm auch gelegentliche Opernreisen. Herr Hergenröther liebt Verdi ... und ist irre stolz auf seine Jungs.“

Sie macht eine Pause. „Verrückt, oder? Er konnte echt Geschichten erzählen, wenn man ihn fragte. Von Rudi Dutschke bis Joan Collins.“ Sie schaut Herrn K. an, der sagt: „Ja, wenn man ihn fragte. Ich ... also ich hab’ ihn nie gefragt.“ „Tja, wir interessieren uns zu wenig“, sagt sie und trägt seinen Kaffeebecher raus.

Herr K. weiß auch über seine Sekretärin wenig. Er hat zum Beispiel keine Ahnung, dass sie mit zweitem Vornamen „Farah“ heißt, schon mal verheiratet war, es zurzeit bei Parship noch mal versucht und nicht weiß, mit wem sie darüber reden soll, welchen Volltrotteln man da begegnet. Herr K. weiß so vieles nicht. Vielleicht müsste man mehr reden. Nicht nur mit Pförtnern. Er weiß auch nicht. Insofern geht diese Kolumne heute ohne Pointe zu Ende. Aber so ist das halbe Leben ... weitgehend pointenfrei.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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