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Zweites Leben für ehemalige Banker
Es muss doch noch mehr geben

Alles erreicht – und doch auf der Suche: Drei Banker haben Geld gegen Lebensqualität getauscht. Die Umsteiger berichten, wie sie sich noch einmal auf die Suche gemacht haben nach neuem Sinn.
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Die Aufregung ist Karin Ruck am Beginn dieses Abends anzusehen. Sie steht am Rande des Bankettsaals eines Hotels in Offenbach, in dem sich zumeist gesetztere Herren und ihre Gattinnen zum Clubabend treffen. Jedem, der neugierig auf dem blauen Teppichboden auf sie zukommt, gibt sie höflich lächelnd die Hand. Nein, sagt die 50-Jährige, sie sei nicht die Ehefrau des neuen Mitglieds des „Lions Club“. Sie dürfe hier heute nur einen Vortrag halten.

Ganz geheuer ist der kleinen Frau das große Interesse an ihrer Person nicht. Dabei kennt Ruck Scheinwerferlicht, sie saß auf öffentlichen Bühnen vor weit mehr Menschen und laufenden Kameras: Von 2003 bis 2013 kontrollierte sie als Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat der Deutschen Bank Männer wie Ex-Chef Josef Ackermann. Ab 2008 war sie sogar stellvertretende Vorsitzende des Kontrollgremiums.

Doch an diesem Abend im Spätherbst betritt sie ungewohntes Terrain – sie soll über sich sprechen. Über eine sehr persönliche Entscheidung. Über „Das zweite Leben einer Bankerin“, so steht es in der Einladung. Die Gastgeber wollen wissen, wieso sie auf Macht und Geld verzichtet, ihren Traum lebt – und ein Lernstudio für Kinder eröffnet hat. Mehr als eine Stunde lang redet Ruck über ihr neues Leben, mit jedem Wort wird sie sicherer. Ihr eigener Wandel ist ihr Lieblingsthema.

Die Suche nach dem „Ich“

Ruck ist nur ein Beispiel einer erfolgreichen Bankerin, die ihre Karriere frühzeitig beendet hat, um ein neues Leben anzufangen. Beispiel zwei: der ehemalige Deutschland-Chef von Lazard, Ernst Fassbender, der als einer der Pioniere des Investmentbankings in Deutschland gilt. Er hat eine Filmproduktion gegründet.

Beispiel drei: Der frühere persönlich haftende Gesellschafter der Privatbank Sal. Oppenheim, Hans Maret, leitet inzwischen ein Weingut und vermietet Ferienwohnungen.

Die drei verbinden weit mehr Gemeinsamkeiten als eine Topkarriere in einer Bank. Sie sind mit etwa 50 Jahren ausgestiegen. Sie haben zuvor so viel Geld verdient, dass sie diesen Schritt ins Ungewisse ohne finanzielle Sorgen wagen konnten. Sie waren auf der Suche nach Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung. Und sie haben sich irgendwann eine Frage gestellt, die sie nicht mehr losgelassen hat: Was will ich eigentlich?

Erste Station: Bad Soden im Taunus

Ein grün und blau angestrichener Kellerraum in einem kleinen gelben Haus. Zwischen bunten Plüschtieren und in Holzregalen gestapelten Brettspielen arbeitet Karin Ruck jetzt. Statt in Frankfurt Deutschbanker zu kontrollieren, schult sie in ihrem Lernstudio Kinder, meist im Grundschulalter. Mit Eierkartons versinnbildlicht sie ihnen die Zahlen eins bis zehn. Mit Bällen schult sie die Hand-Augen-Koordination der Kinder. Bezahlt wird sie nach der Zahl solcher Aufträge. In der Bank bekam sie zuletzt eine sechsstellige Aufsichtsratsvergütung.

Und doch, sie vermisst nichts. Auch keine Macht? „Menschen an der Spitze haben keine Macht“, sagt Ruck. „Sie fühlen sich höchstens so, weil andere ihnen das Gefühl geben, sie hätten welche.“ Davon ist die Frau überzeugt, deren Vater und Großvater schon in Banken gearbeitet haben.

Karin Ruck deutet auf ein Bild. Ein gelbes Haus mit rosa Blumen, das die siebenjährige Paula ihr zum Dank gemalt hat. Als ihre ehemaligen Bankkollegen sie besuchten, hat Ruck ihnen das Bild gezeigt und zu ihnen gesagt: „Ihr hofft, dass ihr am Ende des Jahres einen Bonus bekommt. Ich bekomme jetzt so was. Das gefällt mir viel besser.“

Ein Leben ohne Hierarchien. Ohne fremdgesetzte Ziele. „Mir ging es nie so gut“, sagt Ruck, „keine Kopfschmerzen mehr, keine Erkältung.“

„Am Ende war das nicht mehr meine Bank“

Auch in ihrem früheren Leben hat Ruck Schulungen gegeben. Neben ihrer Tätigkeit als Arbeitnehmervertreterin war sie Coach im Privatkundenbereich und hat Kollegen beigebracht, wie sie sich im Gespräch mit Kunden verhalten und wie sie mit Beschwerden umgehen sollen. Ruck weiß, dass eine Bank keine karitative Einrichtung ist. „Aber die Taktung der Nachfragen nach Verkaufserfolgen wurde immer schneller“, klagt sie. „Am Ende“, sagt sie dann leise, „am Ende war das nicht mehr meine Bank.“

Es ist kein Zufall, dass viele Aussteiger aus der Bankbranche kommen. Erfolgreiche Architekten setzen sich mit Häusern ein Denkmal, Ärzte retten Leben, Musiker begeistern Massen. Und Banker?

Die haben infolge der Finanzkrise ein miserables Image. Das einer Zockerbande ohne Realitätsbezug. Das von Lemmingen, die alle in dieselbe Richtung rennen, ohne ihr Tun zu hinterfragen. Doch zugleich zahlt die Branche häufig so gut, dass man es sich finanziell tatsächlich erlauben kann, seine Ausstiegsfantasien Realität werden zu lassen.

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