Thomas Piketty
Vom Ökonom zum Superstar

Monatelang ein Ladenhüter, doch dann schossen die Verkaufszahlen durch die Decke: Thomas Pikettys Buch über die Ungleichheit im Kapitalismus begeistert Hunderttausende. Doch ist er wirklich der bessere Karl Marx?
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Düsseldorf, New YorkWenn sich ein Wirtschaftsbuch 10.000 Mal verkauft, gilt dies als großer Erfolg. Im Herbst des vergangenen Jahres wäre Thomas Piketty wohl froh gewesen, diese Hürde zu überspringen. Im Ausland fiel das Werk, das auf Deutsch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ heißt und im französischen Original 970 Seiten stark ist, zunächst kaum auf. Nun, ein halbes Jahr nach Erscheinen, ist es auf dem besten Weg, Epoche zu machen.

Inzwischen lässt Pikettys Verlag Harvard University Press die Druckmaschinen röhren und kommt dennoch kaum nach. Knapp 300.000 Exemplare wurden verkauft – ein Sechstel davon als eBook. Der ungewöhnliche Erfolg ist einer PR-Reise durch die USA zu verdanken, wo sich seine Thesen ihren Weg durch die Medien, Think Tanks und Universitäten suchten. Und von den USA schwappte der Erfolg zurück nach Europa.

Der 42-jährige Franzose ist in der Ökonomenzunft kein Unbekannter: Respekt erworben hatte er sich vor allem mit seinen historischen Datenreihen zur Einkommensverteilung. Der Titel des Werks erinnert nicht zufällig an den Klassiker von Karl Marx. Piketty hat sein Buch mit einer tiefen historischen Perspektive geschrieben, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Er hat es sichtbar mit dem Anspruch geschaffen, wirklich alles, was es zu dem Problem der Ungleichheit im Kapitalismus zu sagen gibt, erschöpfend zu behandeln. Ihn treiben, wie gegen Ende des Buchs immer deutlicher wird, die Sorge und die Empörung des Moralisten; Ökonomie ist für ihn, und darin steht er auch in französischer Tradition, eine Gesellschaftswissenschaft, die sich einmischt, und keine scheinbar politisch neutrale, abstrakte Theorie.

Aber Piketty ist der bessere Marx? Sein politisches Engagement, sicherlich links von der Mitte angesiedelt, kommt ohne Dogmatismus aus. Er verfügt, anders als es zur Zeit Marx' überhaupt möglich war, über eine solide Datenbasis samt der zugehörigen ökonomischen Theorie. Er versteigt sich nicht zu Prognosen wie dem unvermeidlichen Zusammenbruch des Kapitalismus, sondern für ihn ist die Geschichte offen und durch aktive Politik zu beeinflussen. Er schlägt sich auch niemals nur auf eine politische Seite, sondern hat für alle Seiten unangenehme Erkenntnisse bereit.

Die grundlegende Erkenntnis in seinem Buch lautet: Im Kapitalismus gibt es eine natürliche Tendenz zu einer immer weiter steigenden Ungleichheit. Und dieser Trend ist besonders stark, wenn das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft besonders schwach ist – so, wie es sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts zumindest in den entwickelten Ländern darstellt.

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  • War zu erwarten, daß ein Ladenhüter mit Rezepten von vorgestern, von den staatstragenden, abhängigen Ökonomen bejubelt wird, weil er ins ideologische Konzept des staatlichen Raubes im Namen der Gleicheit passt.
    Man sollte nur bedenken: Gleichheit ist die höchste Form der Unfreiheit.

  • War zu erwarten, daß ein Ladenhüter mit Rezepten von vorgestern, von den staatstragenden, abhängigen Ökonomen bejubelt wird, weil er ins ideologische Konzept des staatlichen Raubes im Namen der Gleicheit passt.
    Man sollte nur bedenken: Gleichheit ist die höchste Form der Unfreiheit.

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