Callcenter kämpft gegen Insolvenz
„Versuchen Sie es zum späteren Zeitpunkt“

Die einst blühende Branche der Callcenter dümpelt vor sich hin. Die Nummer zwei im Markt, Walter Services, steht vor der Pleite. Schuld sind jene Firmen, die nicht mal mehr via Call-Center erreichbar sein wollen.
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Düsseldorf"Alle unsere Leitungen sind belegt. Versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt." Diesen Satz hören wir alle mehrmals im Monat. Er zeugt davon, dass es im Callcenter desjenigen, den wir erreichen wollen, turbulent zugeht. Die Branche, einst Hoffnungskind aller Wirtschaftsförderer, die nichts als Telefonleitungen zu bieten hatten, dümpelt vor sich hin, seit Auftraggeber versuchen, die Fragen ihrer Kunden schriftlich zu beantworten. Heute hat dieser Trend nach unten ein prominentes Opfer gefordert: Der Callcenter-Betreiber Walter Services, nach eigenen Angaben die Nummer zwei in Zentraleuropa, steht vor der Pleite und hat daher ein Schutzschirmverfahren beantragt. Das Unternehmen bleibt so drei Monate vor seinen Gläubigern geschützt, und das bisherige Management kann in dieser Zeit eine Sanierung versuchen. Andernfalls droht die endgültige Insolvenz. Zuletzt hatte der Fernsehhersteller Loewe als prominentes Beispiel diese neue Möglichkeit des Insolvenzrechts in Anspruch genommen.

Walter Services beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland noch 6000 Mitarbeiter und hat einem Fachmagazin zufolge im Jahr 2011 einen Umsatz von 190 Millionen Euro erzielt. 2.400 weitere Mitarbeiter gibt es im Ausland. Noch vor wenigen Jahren meldete die Firma insgesamt 10.000 Beschäftigte. Unter anderem hatte Walter Services in der Vergangenheit Callcenter-Standorte der Deutschen Telekom, von Karstadt-Quelle und dem Kabelnetzbetreiber Unitymedia gekauft - was sich im nachhinein teilweise als Fehlgriff erwies. „Angesichts massiver Volumenrückgänge im Kernsegment Telekommunikation, die sich seit Juni deutlich beschleunigt haben, muss die Gruppe restrukturiert werden“, heißt es jetzt in einer Erklärung.

Ziel von Geschäftsführer Joachim Hofsähs sei es, so viele Arbeitsplätze und Büros wie möglich zu sichern. An insgesamt 20 Standorten in Deutschland ist Walter Services vertreten. Die Geschäftsführung werde von Restrukturierungsexperten beraten. Auch die Mitarbeiter, Betriebsräte und die Gewerkschaft Verdi würden in das Verfahren eingebunden. Das Unternehmen gehört den Finanzinvestoren HIG Capital und Anchorage Capital.

Nach zähen Verhandlungen hatten Verdi und die Firma im Juni einen Tarifvertrag unterzeichnet. Schrittweise sollen die Stundenlöhne der Beschäftigten dadurch auf mindestens 8,50 Euro pro Stunde angehoben werden.

Martin Dowideit, Leiter Digitales, Handelsblatt.
Martin Dowideit
Handelsblatt / Leiter Digitales

Kommentare zu " Callcenter kämpft gegen Insolvenz: „Versuchen Sie es zum späteren Zeitpunkt“"

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  • Genau das hab ich gemacht. Ich warte bestimmt nicht weiter ab und arbeite zu noch schlechteren Bedingungen als vorher, falls der Standort, bei dem ich bis jetzt gearbeitet habe weiter macht. Das, was jetzt zur weiteren Einsparung beschlossen wurde ist eine Frechheit. Mit den Kollegen war es trotz großer Fluktuation immer gut und ich werde viele von ihnen vermissen. vermissen. Nach vier Jahren in der Firma reicht es mir jetzt. Und ich kann nur jedem Kollegen empfehlen sich rechtzeitig nach einem neuen Job um zu sehen.

  • Walter Services in Lübeck wird zum 31.10.2013 geschlossen. Der Standort in Aachen hat am 24.09.2013 erfahren dass am 30.09.2013 Schluss ist. Ein Schutzschirmverfahren kann gar nicht beantragt worden sein, denn dann hätte der Ausverkauf nicht schon vor ca. 3 Wochen angefangen. Die Standorte, die sich weigern, mehr als fragwürdige Betriebsvereinbarungen zu unterschreiben, werden einfach geschlossen. Gesetzlich festgelegte Bestimmungen zum Schutz der Mitarbeiter sollen gekappt werden (schriftliche Krankmeldungen müssen z.B. noch am gleichen Tag beim Arbeitgeber eintreffen, Kappung der Bildschirmerholzeiten obwohl zum Schutz der Augen zwingend notwendig, der Mitarbeiter soll erst 3-4 tage vorher erfahren ob und wann er zu erbeiten hat etc.).
    Hauptsache, man stockt die Chefetage mit 2 neuen Chefs auch, die bestimmt nicht unter einem gewissen Netto-Gehalt mtl. nach Hause gegen.
    Verantwortung sieht anders aus und bei dem einen oder anderen müsste das Spiegelbild bei dem täglichen Anblick darin zerspringen.

  • Verwahranstalt für (moderne) Sklaven. R.I.P

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