Krankenhaus-Report
Bad Bank für kranke Kliniken

Eine neue Branchenstudie zeigt: Jede sechste Klinik in Deutschland ist von der Insolvenz bedroht. Ein Fonds zur Abwicklung defizitärer Häuser würde die Branche effizienter machen, ohne dass die Versorgung gefährdet ist.
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DüsseldorfJede sechste Klinik in Deutschland ist von der Insolvenz bedroht, 40 Prozent der rund 2000 Krankenhäuser machen Verlust. Solche Zahlen liefert der deutsche Krankenhausmarkt nun schon seit Jahren – mal geht es etwas besser, mal etwas schlechter, aber Aussicht auf eine echte Veränderung gibt es nicht.

Damit endlich etwas passiert, fordern Krankenhausexperten, unter anderem vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), eine „Bad Bank“ für die Branche, einen Fonds, der Geld bereitstellt, damit defizitäre Krankenhäuser abgewickelt werden können. Die Branchenkenner, die seit mehr als einem Jahrzehnt jährlich den Krankenhaus-Rating-Report herausgeben, analysieren regelmäßig die Jahresabschlüsse von knapp 1000 Krankenhäusern. Den neuen Report stellten sie am heutigen Donnerstag auf dem Hauptstadtkongress Gesundheit in Berlin vor.

„Die angespannte finanzielle Situation der Branche hat sich über die Jahre nicht wesentlich verändert. Das hat uns veranlasst, den Markt einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Es geht weniger um die Frage, wie man defizitäre Häuser in die schwarzen Zahlen bringt. Sondern darum, welche Kliniken und Strukturen Deutschland für eine gute medizinische Versorgung überhaupt braucht“, erläutert Sebastian Krolop, langjähriger Autor des Reports und Manager für die Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika bei Philips Healthcare.

Weniger ist dabei mehr, denn Deutschlands 85 Milliarden Euro schwerer Krankenhausmarkt gilt als überbesetzt. Nicht überall, aber in einigen Regionen Deutschland gibt es zu viele Häuser und damit ineffiziente Versorgungsstrukturen. 235 der rund 2.000 Krankenhäuser in Deutschland würden Verlust machen, wenn bei ihnen nicht die Träger, meist öffentliche Haushalte, Jahr für Jahr die Verluste ausgleichen würden. Diese Häuser kommen zusammen auf ein Defizit von 835 Millionen Euro pro Jahr.

Damit jeder Deutsche in weniger als 30 Minuten eine Klinik der Grundversorgung erreichen kann, könnten etwas mehr als 200 dieser Häuser geschlossen werden. Rund 700 Millionen Euro würden dadurch jedes Jahr gespart werden, rechnen die Autoren des Krankenhaus Rating Reports vor. Die Bad Bank käme dabei als neue Option ins Spiel, für die Träger, die einen Standort abgeben möchten.

„Ein Krankenhaus aus dem Markt zu nehmen, verursacht hohe Kosten, nicht nur für die eigentliche Schließung, sondern auch für Sozialpläne und anderes. Eine Bad Bank kann zumindest diese Austritthürde abbauen“, sagt Boris Augurzky, Referatsleiter Gesundheit beim RWI. Nach Branchenschätzungen kostet die Abwicklung allein schon eines kleinen Krankenhauses mit weniger als 100 Betten rund 25 Millionen Euro. Die Experten des Rating-Reports kalkulierten mit Kosten in Höhe des jeweiligen Jahresumsatzes eines Krankenhauses.

Zwar will die Bundesregierung im Zuge der Krankenhausreform auch einen Strukturfonds einrichten, mit dessen Hilfe Krankenhäuser von Markt genommen werden können. Aber der reicht zur Lösung der Probleme nicht aus: „Der Strukturfonds setzt darauf, dass die Länder mitfinanzieren und mitsprechen. Aber gerade die Länder haben in der Vergangenheit ja gezeigt, dass sie an Veränderungen kein so großes Interesse haben. Selbst wenn sie jedoch voll mitziehen sollten, würde die Ausstattung des Fonds in Höhe von einer Milliarde Euro insgesamt nicht reichen, um alle nötigen Strukturveränderungen zu finanzieren“, sagt Augurzky. Nach den Berechnungen des Autorenteams würde die „Bad Bank“ eine Anfangsausstattung von etwa 2,7 Milliarden Euro benötigen.

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Öffentliche Häuser schneiden schlechter ab

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  • Hatten wir nicht vor Jahren schon ein sog. "Notopfer" gebracht, da die Träger die Instandhaltungsrücklage für andere Zwecke verbraucht (vulgo: unterschlagen) hatten?

    Davon ab: zur Daseins- / Krisenvorsorge gehört auch das Vorhalten einer ausreichenden Bettenkapazität (inkl. Intensiv- / Sondermedizin).

  • Wieder einmal zeigt sich, daß die Privatisierung öffentlicher Aufgaben (hier: Krankenversorgung) nur zum Nachteil der Bürger ist.

    Ich würde es gern sehen, wenn die Krankenhäuser mit Steuergeld finanziert würden, den dafür ist das Geld da. Stattdessen werden damit die intelektuellen Geringleister in Parlamenten und Regierung durchgefüttert und im Gegenzug - zulasten der Patienten- rationalisiert und abgewickelt.

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