Massentourismus in den Bergen
Die Alpen werden zum Freizeitpark

Wandern war gestern, die Urlauber in den Bergen wollen unterhalten werden. Große Ferienregionen wie das Zillertal in Tirol rüsten daher mächtig auf. Doch unter den Alpen-Anwohnern regt sich Widerstand.
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Mayrhofen/AltausseeDer Motor ist noch nicht einmal richtig verstummt, da drängen die Pensionäre schon aus dem Reisebus. Heinz Kröll steht hinter dem Tresen und lächelt, als die Rentner in kleinen Gruppen den Vorraum seiner „Erlebnis-Sennerei“ fluten. Eine seiner Mitarbeiterinnen wird den betagten Herrschaften gleich bei einem Rundgang erklären, wie aus der guten Zillertaler Heumilch Bergkäse, Joghurt und Butter entsteht.

An diesem sonnigen Montag sind es vor allem Senioren, die sich die Milchmanufaktur in Mayrhofen anschauen. In den breiten Gängen des modernen Holzgebäudes ist noch viel Platz zum Atmen. Doch das ist nicht immer so. „An guten Tagen im Sommer kommen bis zu 1.400 Menschen“, sagt Kröll selbstbewusst und steuert zielsicher seine neueste Attraktion an. „Genusslöffeln“ nennt der Unternehmer seine Joghurt-Degustation am Ende der Tour.

Die „Erlebnis-Sennerei“ ist inzwischen ein Touristenmagnet im Zillertal, gut 50.000 Besucher legen jedes Jahr sechs Euro für die Runde durch die Produktionsanlagen auf den Tisch; mit anschließender Verkostung sind 12,40 Euro fällig. Und jeden Freitag tritt während eine Band auf: „Käse mit Musik“. „Ein Knüller“, frohlockt Kröll.

Umtriebige Unternehmer wie Heinz Kröll sind für Gernot Paesold ein Glücksfall. Paesold ist der Chef der Zillertal Tourismus GmbH und dafür zuständig, das Tiroler Alpental weltweit ins rechte Licht zu rücken. London, Düsseldorf, Amsterdam, der wendige Manager ist ständig unterwegs. Je mehr Attraktionen er dabei vorweisen kann, desto besser. Der ehemalige BMW-Manager weiß ganz genau, dass es nicht mehr reicht, einfach die Sonnenschirme auf den Terrassen der Almhütten aufzuspannen und eine zünftige Jause zu servieren.

„Die Erwartungshaltung der Leute steigt“, meint Paesold. 1000 Kilometer Wanderwege im Zillertal sind schon lange nicht mehr genug. Aus dem Talspaziergang ist mit den Jahren ein Kräuterwanderweg mit Schautafeln geworden, aus dem Ausflug zu den Moorseen auf Halbhöhenlage die Sonnenaufgangswanderung für Hobbyfotografen. Einfach so mit der Karte in der Hand drauf los laufen war gestern. „Die Gäste wollen gecoacht werden“, meint Paesold nüchtern. Radausflüge haben sich so zu E-Mountainbike-Genusstouren verwandelt. Die Alpen werden zum Freizeitpark einer touristischen Unterhaltungsindustrie.

So wie im Zillertal ist es fast überall in den Alpen. Die Touristen wollen unterhalten werden, und die Dörfer rüsten auf. „Die Verweildauer der Gäste sinkt“, meint der Unternehmensberater Franz Schmid-Preissler. „In der Kürze der Zeit aber möchten die Leute möglichst viel erleben.“ Drei, vier Tage, viel länger bleibt so mancher Gast nicht mehr an einem Ort.

Hier ein Bike-Park mit spektakulären Freeride-Trails, dort ein neuer Hochseilgarten, aus Drei-Sterne-Hotels werden Wellness-Tempel. Das Wettrüsten hat seinen Grund: Die Alpen stehen im Wettbewerb mit so ziemlich jedem anderen Ferienregion weltweit. Ob Thailand, Mallorca oder Florida, für die Urlauber spielt es praktisch keine Rolle, wo sie hinfahren. Über Internetplattformen wie Booking.com lässt sich selbst im brasilianischen Urwald in ein paar Minuten eine Pension buchen. Und: „Vor allem bei Älteren stehen Kreuzfahrten hoch im Kurs“, meint Berater Schmid-Preissler.

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  • Der Artikel trifft ins Herz. Ich habe das Thema Erlebnisinszenierung in meinem Blog vom 25.9.2014 festgehalten:

    Kürzlich hat mich eine Broschüre einer nahe gelegenen alpinen Destination etwas nachdenklich gemacht. Dort gibt es für Familien schier unbegrenzte Möglichkeiten, mit Kindern den Tag zu gestalten. Wasserparks und Themenwelten auf dem Gipfelplateau, Wettkampfparcours für Kids und "einzigartige" Erlebniswelten stehen für die ganze Familie bereit.

    Mit einem Blick auf nachhaltigen Tourismus und sinnvolle Produktentwicklung fragte ich mich: Ist das wirklich Familienurlaub und nachhaltig im Sinne von langanhaltender positiver Erinnerung?

    Ich habe das anders erlebt:
    Mit meinen Eltern und meinem Bruder bin ich als Kind ausschließlich in die Berge in den Urlaub gefahren. Fast 15 Jahre lang in den gleichen Ort und zum gleichen Bauernhof. Übernachtet haben wir in einem einfachen Zimmer mit Dusche und WC auf dem Flur und wenn wir nicht unterwegs waren, haben wir im Stall „geholfen“ und mit den Kindern vom Hof gespielt.

    Wenn wir unterwegs waren, dann war das ein Erlebnis! Der Vater hat für uns Brustgurt und „Reepschnürl“ eingepackt, was für mich und meinen Bruder immer schon bedeutete: Heute wird es spannend! Rucksack, Brotzeit und Getränke trugen wir ganz alleine. Laufen mussten wir selber, getragen wurde niemand. Wir sind geklettert, gekraxelt, über Bäche gesprungen, haben „Pferdchen“ gespielt, Dämme gebaut, Pilze gesammelt, Blumen inspiziert und stets Ausblick nach den seltenen Edelweiß und Enzian gehalten. Die wurden damals noch nicht in Blumenkästen kultiviert.

    Der Vater war unser Vorbild und alpiner Held! Die beste Geschichte meines Vaters war, wenn wir im Bergwald unterwegs waren: „Habt Ihr auch etwas Salz eingepackt?“ ...

    Wie die Geschichte weiter geht lesen Sie unter http://www.destinationtomarket.de/2014/09/25/erlebnisdesign-im-alpenraum/

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