Der Werber-Rat
Das Gewicht einer Streichholzflamme

Der Hassfilm und seine Folgen sind ein Lehrstück - auch für die Medienbranche. Das Internet stellt sie brutal vor neue Herausforderungen - sie müssen entscheiden, wie sie damit umgehen.
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Ein mediokrer Filmemacher entlädt sich, nicht über islamistischen Terror, sondern über den Propheten Mohammed. Er macht einen Hassfilm, der nur eines soll: Hass erzeugen.

Was vor kurzem ein sich selbst erlöschendes Ereignis einer Kellerkneipe in Los Angeles geblieben wäre, wird im Internet weltweit ausposaunt. Seitdem kochen in islamischen Ländern Freitagsgebete, brennen westliche Botschaften und sterben Menschen. Ein Lehrstück nicht nur für Sozialpsychologen und Völkerrechtsexperten, sondern auch für Analysten der Medien- und Werbebranche.

Wie verändert sich das Gewicht einer Streichholzflamme, wenn sie an einem globalen Pulverfass zündelt? Die Gewaltexzesse erfordern den Widerstand aller Zivilisationen, Kulturen und Religionen. Aber Fragen sind erlaubt:

Welchen Spielraum haben Menschen, die nichts anderes kennen als diktatorische Regime und staatliche Propaganda? Woher sollen sie wissen, dass in einer freien Gesellschaft nicht jeder Artikel, jedes veröffentlichte Bild und jeder Film die Äußerung der Staatsmacht sind? Wie sollen sie es für möglich halten, dass nicht Barack Obama dahinter steht, und schon gar nicht der Pförtner einer Botschaft, wenn in Dänemark freche Karikaturen oder in den USA ein mieser Film „passieren“?

Wie sollten sie auch begreifen, dass das Internet nicht Schaukasten und Sprachrohr einer „westlich-demokratisch-imperialen“ Verkündigungsstrategie ist, sondern lediglich eine globale Öffentlichkeit, in der das ultimative Stimmengewirr wabert. Hier stehen die Versöhnungs- und Friedensangebote der Religionen gleich neben den Hassbotschaften und Hinrichtungsvideos.

Welche Alternativen haben Völker, denen die heilsame Trennung von Staat und Religion bisher vorenthalten wurde? Wie sollen sie reagieren, wenn sie sich perspektivlos auf der Verliererstraße erleben und religiöse Führer an jedem Freitag Öl ins Feuer gießen? Auch sie könnten sich fragen, ob der alleinige Gott durch den Streifen eines durchgeknallten Filmemachers so beleidigt ist, dass er Mord und Totschlag gegen Unschuldige für eine angemessene Antwort hält.

Wir alle müssen uns fragen, ob wir künftig in einer Welt ohne kulturelle Höflichkeit und Fair Play leben wollen.

Das Internet stellt uns brutal und ohne Narkose vor diese Wahl. Und die Politik muss sich fragen, ob sich ihre Medienausschüsse, Kommissionen und Gesetze vom Netz weiter überrollen lassen wollen.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Das Gewicht einer Streichholzflamme"

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  • Es ist wie bei den dänischen Karikaturen. All die Abwiegler fühlen sich auf einmal zum Kritiker berufen und stellen die schlechte Qualität der Machwerke fest. Was hätte die denn eigentlich - so sie überhaupt schlecht ist - mit den dadurch ausgelösten Ereignissen zu tun?

    Vielleicht steht dahinter die Erfahrung der subventionierten Kulturszenen, deren (nach eigenem Urteil) hochwertige Produkte nie wirklich von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

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