Der Werber-Rat
Die Radioaktivität der Daten

Trotz Datenskandalen und Überwachung wird unvermindert gechattet und gepostet. Warum führen die Enthüllungen über die Praktiken der Geheimdienste nicht zu einer Verhaltensänderung?
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Erstens: Menschen handeln in den seltensten Fällen rein rational. Aufklärung hat daher in der Geschichte kaum je zu einer Verhaltensänderung geführt. Die allermeisten Menschen wissen, dass Rauchen schädlich ist und sind sich über die Folgen voll und ganz bewusst. Ähnliches gilt für zu viel Alkohol oder Fast Food und zu schnelles Autofahren. Entscheidend ändern tun sie ihr Verhalten deswegen nicht.
Zweitens: Mit dem Datenskandal ist es wie mit der Radioaktivität. Die Folgen sind für den einzelnen derzeit weder direkt sichtbar noch spürbar. Ohne Ereignisse wie Fukushima fällt es den Menschen auch schwer, sich die Gefährlichkeit der Radioaktivität klarzumachen.

Die Folgen der Datenspionage sind so abstrakt wie unsichtbar. Anders als in Orwells 1984 führt die totale Überwachung derzeit eben noch nicht zu Meinungs- und Handlungseinschränkungen für den Einzelnen. Wir sind dagegen, aber wehren uns nicht wirklich.

Denn drittens sind Menschen bequem. Gewohnheiten ändern sie nicht so leicht. Und Menschen tun sich schwer damit, etwas, das ihnen Spaß oder Entlastung verschafft, freiwillig wieder herzugeben. Das ist beim Alkohol nicht anders als bei den sozialen Netzwerken, Online-Einkäufen oder einfacher digitaler Kommunikation.

Wir spüren die Nachteile nicht deutlich und sollen auf Spaß prophylaktisch verzichten. Und das, obwohl wir uns darüber hinaus kaum vorstellen können, dass sich Datenspione nun ausgerechnet für unsere privaten Nachrichten interessieren könnten.

Viertens: Wir leben in einer Zeit, in der die junge Generation einen ganz anderen Umgang mit ihren persönlichen Daten pflegt und gelernt hat. Die virtuelle Welt ist Teil der Selbsterfahrung geworden. Während frühere Generationen eine Big-Brother-Überwachung als bedrohlich empfanden und ihr Privates zu schützen suchten, ist heute das Agieren und Sich-Darstellen in dieser virtuellen Welt fast so etwas wie ein Persönlichkeitsbestandteil.
Emotionales statt rationales Handeln, kaum spürbare Konsequenzen, Gewöhnung an die Annehmlichkeiten des Netzes sowie der Wunsch nach virtueller Persönlichkeit sind Gründe, die eine Verhaltensänderung bezogen auf den Umgang mit persönlichen Daten unwahrscheinlich machen.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Die Radioaktivität der Daten"

Alle Kommentare

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  • "...Warum führen die Enthüllungen über die Praktiken der Geheimdienste nicht zu einer Verhaltensänderung? ...."

    Der Lauscher an der Wand, hört seine eigene Schand!!
    Es ist besser, sie ersticken in der Datenflut!!!.. und es schafft Arbeitsplätze. 400.000 (?) arbeiten bei der NSA.

  • Die Erklärung ist simpel:

    Am Beispiel der Deutschen kann man sehen, dass das gemeine Volk überwiegend aus Idioten besteht:

    Nach 1933: "Wollt Ihr den totalen Krieg?" "Ja", wollen wir.
    September 2013: "Wollt Ihr die Transferunion mit Schuldenvergemeinschaftung (und Eure Enteignung)?" "Ja" wollen wir, und wählen Mutti.

    Der Deutsche wird auch dann noch milliardenfach in den schwachsinneigen sozialen Netzwerken Redundanz posten, wenn schon die neue Stasi 2.0 vor der Tür steht.

    Er leidet eben an Idiocracy.
    Unheilbar.

  • Als Privatmann habe ich persoenlich ueberhaupt keine Probleme mit der 'Vorfeldaufklaerung'. Als Unternehmer jedoch habe ich mein Verhalten ab sofort geaendert. Die wesentlichen Inhalte der Kommunikation mit meinen Patentanwaelten erfolgt nur noch per Post. Koennte ja sein, dass just kurz vor der Einreichung eines Patentantrages, ein ebensolcher durch einen Wettbewerber in den USA eingereicht wird - vorher meinem natuerlich.
    Jede Entwicklungsabteilung und jeder Patentanwalt sollte sein Verhalten unbedingt vor diesem Hintergrund ueberdenken.

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