Der Werber-Rat
Eingefleischte Lust

Ex-Beatle Paul McCartney wirbt für einen fleischfreien Wochentag. Das erinnert an die unsäglichen Veggie-Day-Appelle der Grünen. Mit solchen Methoden lässt sich jedoch kein Konsument bekehren.
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Dear Sir Paul McCartney! In Deutschland gibt es die Redewendung: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“ Und gut gemeint ist Ihr Veggie-Day-Song „Meat Free Monday“ bestimmt.

Aber so, wie die jüngste Bundestagswahl für die Grünen – auch – wegen der vom Volke nur mäßig euphorisch aufgenommenen Idee eines fleischfreien Kantinentags nicht zum „Fun-Day“ wurde, so werden auch jetzt vermutlich nicht Millionen Karnivoren dem Fleisch entsagen.

Obwohl es zu Hochzeiten der Beatles sicher genug Gelegenheiten zum Üben gab, viel pädagogisches Geschick scheinen Sie sich nicht angeeignet zu haben. Zumindest haben Sie sich diesmal fast so unglücklich angestellt wie die Grünen – die können sich allerdings darauf berufen, als erfahrene Oppositionspartei an „Appellaritis“ quasi als Berufskrankheit zu leiden.

Für alle, die es noch nicht verinnerlicht haben: Appelle bedienen Motive des Appellierenden. Er fühlt sich gut, wissend und bedeutsam – alle anderen leider nicht. Das Motiv, das man ansprechen muss, will man etwas verändern, ist das derjenigen, die man „bekehren“ möchte. Und deshalb hat jedes köstliche Galloway-Entrecôte größere Chancen, die Essgewohnheiten eingefleischter Steakliebhaber dauerhaft zu verändern, als Sie, Sir Paul.

Verführung und Lust-Erleben sind wirksamere Erzieher als der erhobene Zeigefinger. Wer will schon vorgehalten bekommen, dass jedes genüsslich vertilgte Schnitzel, Rahmgulasch oder Rinderfilet zum Schmelzen der Polkappen, zum Anstieg des Meeresspiegels und zum Untergang gleich mehrerer Inselgruppen führt?

Das Wirkprinzip ist simpel: Wer erlebt, wie großartig ein bewusst eingekauftes und zubereitetes Stück Fleisch schmecken kann, akzeptiert danach nur ungern den eingeschränkten Genuss, den ein Durchschnittssteak bereitet. Und da gut erzeugtes Fleisch seinen Preis hat, aber nur die wenigsten unbegrenzte Mittel in der Haushaltskasse haben, tritt der erwünschte Effekt von ganz allein ein: Ohne Druck, ohne Vorschriften legt man häufiger fleischlose Tage ein – in der Vorfreude auf den großen Genuss beim nächsten Mal. Und man lernt peu à peu die Freuden der vegetarischen Küche schätzen. In diesem Sinne, Sir Paul: Why not trust in lust?

Der Autor:

Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Eingefleischte Lust"

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  • Fortsetzung

    An den Gaumenfreuden ansetzen ist, neben der Aufklärung über die sachlichen Zusammenhänge, ein praktikabler Weg, langfristig eine Ernährungsumstellung zu erreichen, die gesund und auch ethisch vertretbar ist UND einen unfruchtbaren Kampf um persönliche Essgewohnheiten aus dem Weg geht. Einen sanften Hinweis hat Nerendra Modi dem chinesischen Regierungschef gegeben, der für die Ernährung seiner Milliarden-Bevölkerung Impulse geben kann - so war dem Handelsblatt von vorgestern zu entnehmen - dies hat mein Herz erfreut:

    "Erst kam Buttermilch mit Minze und Koriander auf den Tisch, dann runde frittierte Teigbällchen mit Linsenfüllung, schließlich Aubergine und Bockshornklee, Okra mit Erdnüssen, Basmati-Reis und Fladenbrot. Indiens Regierungschef Narendra Modi ließ seinem Amtskollegen aus China, Xi Jinping, bei dessen Besuch jüngst 100 Spezialitäten auftischen. Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie waren vegetarisch. Denn Indiens Premierminister isst ... ."

    nachzulesen unter: http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/vegetarier-in-indien-wird-sogar-mcdonalds-fleischlos/10752376.html

    Mir zumindest läuft bei dieser Aufzählung das Wasser im Mund zusammen.

    MfG Bihari Sharan

  • Das Essverhalten ist tief eingewurzelt im Menschen, eingewurzelt durch die Essgewohnheiten der jeweiligen Kultur - und somit auch erlernt. Mit zunehmendem Alter ist eine mögliche Umstellung - durch Ausbleiben der altbekannten Gaumenfreuden - erst einmal i.d.R. eine Verzichtserfahrung. Und wer möchte schon gerne verzichten? Also ist nur jemand bereit dazu, wer im Gegenzug für sich dadurch einen Vorteil sieht.
    "Der Verstand ist willig, aber das Fleisch ist schwach." Im Bereich der Gesundheit sehen viele den Vorteil einer Ernährungsumstellung, doch selbst da schaffen es viele nicht, bzw. nicht dauerhaft - den Streicheleinheiten der erlernten Gaumenfreuden zu widerstehen. Wenn viele es dabei nicht schaffen, was können ethische Erwägungen ausrichten?
    Eine neue Jugendkultur sogar veganer Ernährung ist dabei sich zu entwickeln - und setzt ganz konsequent an den dort zu finden Gaumenfreuden an. Eisbein mit Aspik wird für sie keine Anziehung mehr ausüben - die kleinen Fersen des Schweines werden es ihnen danken. Wenn sie dann noch ganz undogmatisch ab und an mal doch ein Glas Milch trinken - ihrem ethischen Anspruch entsprechend Demeter-Milch - geht das auch mit dem B12 Haushalt in Ordnung - und das eine Glas Milch alle paar Tage nimmt dem Kalb nicht wirklich etwas weg.

    Fortsetzung folgt

  • Das ist die typische Argumentation einer Gesellschaft, die die Augen davor verschließt, dass der private Konsum eben nicht nur Privatsache ist.
    Alle 12 Jahre müssen rund 1 Milliarde Menschen satt werden und schon jetzt verbraucht die Herstellung von Fleisch 70% der Fläche und des Trinkwassers. Trotzdem weigert sich die große Mehrheit in den Industrienationen, das Essverhalten zu ändern und kommt mit ähnlichen Argumenten wie in diesem Artikel. Die Wirklichkeit ist anders. Solange die wirklichen Kosten der Fleischproduktion auf die Allgemeinheit umgelagert werden und die Menschen jeden Tag Fleisch essen können, wird sich nichts ändern. Der Anteil an angeblich gesund und umweltverträglich produziertem Fleisch ist verschwindend gering. Aufrufe wie die von Paul sind richtig und notwendig, vor allem, weil er das was er vorschlägt vor macht. Das die meisten nicht daran erinnert werden wollen, dass ihr "schmackhaftes" Fleisch weder der Umwelt schmeckt noch den Tieren, die dafür qualvoll gelitten haben, ist klar. Augen zu und durch ist die Devise. Was kümmert mich die Zukunft. Das 1 kg Rind-Fleisch so viel CO2 verursacht, wie ein Auto, welches 1.600 km fährt, 15.000 l Wasser verschwendet und bis ui 50 qm Land benötigt, interessiert niemand. Das man auf dem Land, wo man gerade mal 1 kg Rindfleisch produziert, bis zu 200 kg Kartoffeln ernten kann, sollte zu denken geben angesichts der Tatsache, dass jetzt schon 1 Milliarde Menschen hungern und Wasser extrem knapp ist.

    Diese Tatsachen schwirren immer wieder durch die Medien und es verändert sich gar nichts. Wird dann von prominenter Seite oder der Politik gewarnt, geht ein Aufschrei durch die Medien "wir lassen uns nicht bevormunden". Wenn meine Kindern ständig das Pausenbrot der Nachbarkinder klauen, dann muss ich als Vater eingreifen, um Unrecht zu verhindern. Umgekehrt scheint sich niemand daran zu stören, dass Fleischessen dafür sorgt, dass Menschen hungern müssen. Nicht direkt aber angesichts der Zahlen einleuchtend.

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