Der Werber-Rat
Verliebt in das Timotei-Mädchen

Welche Bedeutung Marken in unserem Leben haben, merkt man manchmal erst, wenn es sie nicht mehr gibt.
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Neulich hat mir ein Freund erzählt, er wäre immer noch ein bisschen in das Timotei-Mädchen verliebt. Das Timotei-Mädchen hüpfte im Werbeblock im weißen Kleidchen durch ein Kamillenfeld und wusch sich dekorativ das Blondhaar in freier Natur. Sie machte Werbung für eine Shampoomarke, die es nicht mehr gibt. Vor 30 Jahren!

Manche Marken sind wie Freunde. Manchmal begleiten sie uns ein ganzes Leben lang. Wenn sie verschwinden, dann fehlen sie uns. Wenn ich an die Marken meiner Kindheit denke, dann habe ich heute noch ein warmes, weiches Gefühl.

Ich hatte noch eine dieser typischen 70er-Jahre-Kindheiten, in denen die Eltern uns in geschlossenen Räumen mit ihren Lord- oder HB-Zigaretten vollrauchten, Zucker noch nicht verteufelt wurde und man allein zu Fuß zur Schule gehen durfte. Unvorstellbar für die heutigen Erziehungsberechtigten, die ihren Nachwuchs selbstverständlich mit Bioprodukten aufziehen. Im SUV.

Deshalb ist eine Sehnsuchtsmarke meiner Kindheit Tri Top. Ein Zuckersirup, den man mit Sprudelwasser auffüllte. Lange war er vom Markt verschwunden. Nie im Leben würde ich heute noch zu Tri Top greifen. Aber an das klebrig-süße Glücksgefühl denke ich immer noch ab und an. Genau wie an Planschi, einen Badezusatz, dessen Werbesong (Planschi ist prima. Planschi ist ’ne Wucht) ich immer noch vor mich hin singe.

Mein erstes Konto habe ich bei der Dresdner Bank eröffnet. Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass das grüne Band der Sympathie heute gelb ist und der Laden Commerzbank heißt. Von dem „Raider heißt jetzt Twix“-Schock hat sich meine Generation in Wahrheit bis heute nicht erholt.

Diese Marken haben auch deshalb eine so große Bedeutung, weil sie in uns starke Emotionen auslösen. Wenn eine Marke es erst mal geschafft hat, unser Vertrauen zu gewinnen, dann muss sie uns schon sehr enttäuschen, damit wir uns von ihr abwenden. Alle diese Beispiele beweisen, welche Bedeutung Marken haben. Würde man sich auch derartig an ein No-Name-Produkt erinnern? Zu einer großen Marke gehört immer auch ein großes Gefühl. Und welche Marke vermissen Sie?

Die Autorin ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Die Autorin: Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Verliebt in das Timotei-Mädchen"

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  • Die Frau ist Werbeverseucht. EinOpfer des TV Konsums. Wahrscheinlich hat sie auch eine Batterie von Badreinigern zuhause, angefangen vom Wannenspray, über den Duschkabinenreiniger die WC Ente und so weiter und so fort.

  • Ja, das ist auch meine Generation! Ein Gefühl zu den großen Marken war, schon damals: die machen das nur, um ihr Zeug loszuwerden! Und zwar deshalb, weil, nur mit den Informationen über Produkt, das keiner kaufen würde. Dass, mit der Marke, große Emotionen verkauft werden sollten, habe ich als ein ziemlich unter der Gürtellinie empfunden. So mit 17, waren die Agenturen für uns die "Werbehuren", die es für Geld mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und sich für fast alles kaufen lassen.

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